Archiv für Februar 2011

Deutschlands Helden

Diese neue Lockerheit im Umgang mit der deutschen Identität, die man der hiesigen Nation seit ein paar Jahren einredet, scheint nicht auf liebgewonnene Kontinuitäten verzichten zu können. Das Schema ist ziemlich einfach: überlegen, wer irgendwie allgemein als böse gilt, aber trotzdem in riesigen Zahlen frequentiert wird, dieses Spannungsfeld dann mit einem Tusch auflösen und behaupten, die wären schuld und würden uns vergiften — mit ihrer Art, mit ihrer »Agenda«, mit ihrer bloßen Existenz. Das Prinzip ist altbekannt in Deutschland, wird beim Spiegel gerne ausprobiert, und wenn sich da noch einer dran stört, dann haben wir auch Kreuzberger Mütter mit sympathischen Popstarstatus zu bieten, die auch nicht groß was anderes sagen. Der Feind sitzt im Inneren, mit seiner Agenda kreiert er unsere Realität und wir sollten ihn zwecks Reinheit schnellstmöglich entfernen.

Die Bildzeitung ist […] ein bösarti­ges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

Das Weltbild dieser dem Dalai Lama treu ergebenen Buddhistin passt wie die Faust aufs Auge zum »neuen«, »ungefährlichen« Partynationalismus, den die Deutschen für sich entdeckt haben, genauso wie er zur Bildzeitung selber passt. Es attackieren sich dort Deutschlands zeitgenössische Helden, in einem Spiel »Not gegen Elend«.

Fußball und Hartz 4? Ja, bitte!

Wie sehr die Autokraten und Diktatoren im Nahen Osten den Fußball als Katalysator für Proteste gegen ihre Herrschaft fürchten, sieht man aber nicht nur in Ägypten, sondern auch in Algerien und Libyen, wo der Spielbetrieb ebenfalls auf unbestimmte Zeit eingestellt wurde. Das Prinzip »Brot und Spiele« funktioniert längst nicht mehr. Schon gar nicht dort, wo sich Fußballfans auch als politische Subjekte definieren.

Soweit Alex Feuerherdt in der aktuellen Jungle World. Nachdem man nun auch deutschen Fußballfans jahrelang versucht hat einzutrichtern, dass sie sehr wohl politische Subjekte sind, mag man gar nicht mehr hinschauen, wenn sie das auch begreifen. Denn die sich in Feindschaft zum System aka DFB, Vereinsoffizielle, Presse, blabla, definierenden deutschen Fußballfans, sind dieser Definition entsprechend allein schon ihrem Grundverständnis nach auf das System angewiesen. In Kurzform heißt das: die herrschenden Zustände sind die für sie denkbar besten Zustände, solange sie sich am Wochenende als Opposition fühlen und dafür schon im Voraus zulangen können, während sie unter der Woche in der ihnen zugedachten Rolle aufgehen, als Chef_in, Lohnarbeiter_in oder Arbeitslose_r — wahrlich ein Querschnitt der Gesellschaft, nur eben ein virtuell widerspruchsfreier.
Insofern kann man nur froh sein, dass die politische Kraft Fußballfans dieserorts nicht benötigt wird und sich mit dem Angebot »Fußball und Hartz 4« zufrieden gibt.

»Das ist ihr Hobby«

Für mich wirkt es, als wolltest du Menschen zeigen, denen eigentlich nicht viel mehr im Leben bleibt als herumzuhängen, die keinerlei andere Hoffnungen mehr in ihrem Leben haben.
Naja, sie stehen eben einfach darauf, Zeug kaputtzuschlagen. Das ist ihr Hobby, fast so etwas wie eine Kunstform. Sie versuchen, ein eigentlich völlig infantiles Verhalten in etwas Transzendentes zu verwandeln, sie sind so etwas wie Künstler des Missbrauchens von Dingen. Sie leben unter umgekehrten Vorzeichen.

Die antiantideutsche Linke

Was genau ist in Dresden passiert?
In der Nähe einer Blockade wurde ein uns unbekannter Mann, der eine Royal-Air-Force-Fahne dabei hatte, angepöbelt. Einer von uns hat die Pöbler gebeten aufzuhören, was aber nicht geschah. Es bildete sich eine Gruppe, die immer aggressiver mit uns diskutierte, und die wohl meinte, dass allein die UdSSR Deutschland befreit habe. Währenddessen rief dann jemand »Hey, hier sind Antideutsche«, was wohl die Legitimation zum Losschlagen war.

Wieso eskalierte die Situation?
Als einer von uns eine Israelfahne hochhielt, sahen diese sogenannten Antifas rot. Vorher war die Stimmung schon aggressiv, aber als die Flagge da war, traten sie denjenigen, der sie hielt, bis er bewusstlos wurde, später musste er sogar ins Krankenhaus. Auch ich wurde von mehreren Leuten angegriffen und auf dem Boden liegend getreten.

An der Stelle, an der deutsche Linke als »antideutsch« markierte Personen nicht nur beschimpfen, nicht nur körperlich angehen, sondern sie einfach mal so bewusstlos treten, sollte sich jede_r fragen, was ihm_ihr der Hass auf »die Antideutschen« bedeutet und inwieweit er_sie sich an einer sogenannten »Kritik« beteiligt, die in Gewaltexzessen endet, die in keinster Weise erklärbar oder entschuldbar sind.
Der Burgfrieden in der Dresdner Querfront kann bis auf weiteres als aufgekündigt gelten: die Blockaden sind kein sicheres Pflaster für Personen, die der Verklärung der alliierten Luftangriffe entgegentreten. Das heißt zwar nicht, dass man die Nazis gewähren lassen muss, aber es beleuchtet das geringe Interesse der deutschen Linken gegenüber reaktionären Kräften in ihrem Innern.

man hätte ihn schon 2009 *********en können

Das Klima wirkt wieder auf die Verhaltensweisen zurück. Je weniger intelligent, je weniger gebildet, je unreflektierter ein Mensch ist, desto mehr ist für ihn das gesellschaftliche Klima wichtig. Weil er sich dem nicht entziehen kann.
Thilo Sarrazin

Es treffen die Worte von Jörg Lau zu:

Der Mann, der sich fragt, wie man erreichen kann, dass nur diejenigen Kinder kriegen, die “damit fertig werden”, hat seinen Sohn abgeschafft. Ein Abgrund.

Konservative

Guttenbergs putschistischer Regelverstoß steht in einer langen konservativen Tradition: Prinzipien als drehbare Geschütze. Gekrönt wird dieses Verhalten dadurch, dass der überführte Edelmann seinen Doktortitel von sich aus ablegt. Er steht dabei im Sturm des Beifalls einer Menge, die beim Wort „Fußnoten“ fragt: Ach, werden jetzt auch Füße benotet? Eine Dissertation zum deutschen Konservatismus auf sz.de

»und bei jeder Bombardierung Flugblätter abwerfen«

Er war eine der führenden Figuren im polnischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der erste, der die Alliierten über den Holocaust unterrichtete: Jan Karski. Die Memoiren dieses Mannes, der »den Großen dieser Welt enthüllt hat, was die Welt nicht wissen wollte« (Jorge Semprún), liegen nun, 66 Jahre nach Erscheinen der englischen Erstausgabe, erstmals auf Deutsch vor. Hier erzählt Jan Karski von einer Unterredung, die er im Herbst 1942 mit zwei Männern hatte, die die Arbeit des jüdischen Untergrunds in Polen leiteten, und von einem kurzen Aufenthalt im Warschauer Getto, in das er sich heimlich schleusen ließ.

Der Zionistenführer sprach als Erster:
»Die Deutschen lassen sich nur von Macht und Gewalt beeindrucken. Man sollte die deutschen Städte gnadenlos bombardieren und bei jeder Bombardierung Flugblätter abwerfen, die die Deutschen über das Schicksal der polnischen Juden informieren und der gesamten deutschen Nation ein ähnliches Schicksal während des Krieges und danach androhen. Die deutsche Bevölkerung niederzumetzeln, halten wir nicht für sinnvoll und streben es auch nicht an, doch eine solche Drohung ist die einzige Möglichkeit, den Gräueltaten der Deutschen Einhalt zu gebieten. Eine solche von Gewalt begleitete Warnung könnte die deutsche Bevölkerung so erschrecken, dass sie genügend Druck auf ihre politische Führung ausübt, damit diese ihr Vorgehen ändert. Anders lässt sich nichts erreichen.«

»und weg damit«


via

♫ »Das hier ist Kunst«

Mindestens in 1000 Jahren Rmx von m_rey [Electronic]

Stars: Take Me To The Riot

Grey skies and light fading, headlamps making patterns on the wall. Uptown it’s dead now, but out here no one seems to care at all. Slick girls and sick boys and each one lining up to take it home. They hold tight their coin and pray no one has to see the fall. I‘m there, yeah. I serve them, the one with the empty looking eyes. Come closer, you‘ll see me: the face that is used to telling lies.
Saturday nights in neon lights, sunday in the cell. Pills enough to make me feel ill, cash enough to make me well.
Take me, take me to the riot.

You sprung me, I‘m grateful. I love when you tell me not to speak. I owe you, but I know you, you‘ll have me back, but it’s gonna take a week.
What now kid? Which way love? Will we ever make up and be friends? Good news is my shoes is lined with all my nickels and my tens. Let’s do them! Just feed me. I hate when I have to go to sleep.
You despise me and I love you. It’s not much but it’s just enough to keep.

Saturday nights in neon lights, sunday in the cell. Pills enough to make me feel ill, cash enough to make me well.
Take me, take me to the riot.
And let me stay.

für Kanonen aus Plastik

»Nowhere Near Here«

—einleitende Worte—

Modern Life Is War: Midnight in America.

I sit on my roof and I smoke. Stare across the street at the funeral home. And drive out past the factories on the gravel roads where it gets so dark. And I can see all the stars and I feel so small ’round midnight.
The paper says the whole world’s on fire. But this street is quiet. The paper says the whole world’s on fire. But this street is quiet.
And the silence is the violence of sex and dying in the middle classes.
The silence is the violence of sex and dying in the lower classes.
The silence is the violence of sex and dying in the upper classes.
My love overflows. My skull overflows. But my heart never breaks. We pray for petty things in our petty lives as if god has the time. There is a reason we feel so small when we‘ve lost our reason to thrive.
Everyone is fucked. Everyone is damned. But no one will open their eyes. Have you ever heard a joke like this before? I raise a toast to a genius god.
I live in a big house with all of my friends. I sing these stupid songs. I roam all these highways. I hope it never ends. And when I think about it all it’s almost too much to bear.
It’s hell and it opens your eyes.
When I think about it all it’s almost too much to bear.
It’s heaven and it opens your eyes.

»Viele kleine Schindlers«

Ein lesenswerter Beitrag von Lars Distelhorst in der aktuellen Jungle World, der heute online gestellt wurde.

Wenn der Neudefinition von Geschichte nicht Einhalt geboten wird, damit auch die heute Dreijährigen irgendwann einmal lernen, wer Täter und wer Opfer war, werden Zweiter Weltkrieg und Holocaust bald nur noch den Rang einer Art Naturkatastrophe haben, die einst die Welt heimsuchte, bevor sie so ein sicherer Ort wurde wie heute, wo wir uns wie Tiger und Bär bei Janosch vor nichts mehr zu fürchten brauchen. Die Gründe für den Holocaust aufzuarbeiten und die daraus resultierende Verantwortung festzuschreiben, wird das Geschäft von professionellen Historikern sein und den Großteil der Bevölkerung noch weniger tangieren als heute. Was damit vor allem entfallen wird, ist die Frage nach der historischen Kontinuität. Und das könnte fatale Folgen haben.

♫ Slow down

Wellenrauschen mit Musik

Fußballterror und Randale


via