Der Verrückte und Israel

Zunächst einmal: der Attentäter von Oslo, Anders Breivik, kann nichts anderes als verrückt genannt werden. In einigen Leitartikeln wird das zurückgewiesen, aber bei jemandem, der sich für einen Tempelritter hält, in selbstgebastelten Uniformen auftritt und selbstgeführte Interviews als groteske Pressemappe online stellt, ist kein anderer Schluss möglich.
Die Verwirrung, die sein zusammengeschustertes Weltbild auslöst, erinnert nicht zuletzt wegen des Templerwahns an ein Buch von Umberto Eco; »Das Foucaultsche Pendel«. Er scheint einfach zeitgenössischen Rechtsradikalismus mit altbekannten Verschwörungen kompiliert zu haben, und deswegen wird man ihn auch keinem Lager zuordnen können — auch wenn Passagen diesem oder jenem entnommen sind.
Dabei fällt auch auf, dass er sich anti-muslimisch, pro-amerikanisch und pro-israelisch gibt, was bei manchen die Assoziation zur neuen Rechten wecken mag. Auf schlamassel wird zutreffend beschrieben, wie weit her es bspw. mit der Israelsolidarität ist. Das »Judenproblem« sieht der Attentäter nämlich damit gelöst, dass »nur eine Million [Juden] in Westeuropa« übrig sind.
Das passt gut zu seinem Hass auf den »Multikulturalismus«. Der klingt auch nach der neuen Rechten, Breivik setzt ihn jedoch mit dem »Kulturmarxismus« gleich. Damit befindet er sich, ganz wie mit der Templerverschwörung, im traditionell antisemitischen Fahrwasser des rechtsradikalen Lagers. Für »Kulturmarxisten« hält er nämlich die Soziologen der Frankfurter Schule. Breivik selbst bemüht die Klarstellung nicht, aber dieser Begriff bedient sich der Idee, die »Kulturmarxisten« seien allesamt jüdisch und marxistisch, und hätten seit 1945 den gesellschaftlichen Mainstream mehr und mehr unterwandert, wobei der (im Tagesgeschäft geläufigere) »Multikulturalismus« herausgekommen sei, den der Verrückte mit seinem Massaker zu bekämpfen gedachte.
In der Debatte um die Bedeutung dieser Wahnsinnstat muss also klar sein, dass Breivik sich nicht eines politischen Prototypen bediente, sondern ihm vielmehr der des Verschwörungsideologen zuzuschreiben ist. Der Unterschied zu den anderen Bekloppten, die solch ein Gewäsch lesen, glauben, verbreiten, ist lediglich die unfassbare Konsequenz, die er so vielen Menschen aufgezwungen hat.

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27 Ansprachen zu „Der Verrückte und Israel“


  1. 1 tnb Juli (26) 2011 um 08 57´
  2. 2 bigmouth Juli (26) 2011 um 19 18´

    ich finde, dass das schlammasel-blog Breivik aus dem kontext zitiert.

    Were the majority of the German and European Jews disloyal? Yes, at least the so called
    liberal Jews, similar to the liberal Jews today that opposes nationalism/Zionism and
    supports multiculturalism. Jews that support multiculturalism today are as much of a
    threat to Israel and Zionism (Israeli nationalism) as they are to us. So let us fight
    together with Israel, with our Zionist brothers against all anti-Zionists, against all cultural
    Marxists/multiculturalists. Conservative Jews were loyal to Europe and should have been
    rewarded. Instead, he just targeted them all… So, are the current Jews in Europe and US
    disloyal? The multiculturalist (nation-wrecking) Jews ARE while the conservative Jews
    ARE NOT. Aprox. 75% of European/US Jews support multiculturalism while aprox. 50% of
    Israeli Jews does the same. This shows very clearly that we must embrace the remaining
    loyal Jews as brothers rather than repeating the mistake of the NSDAP. Whenever I
    discuss the Middle East issue with a national socialist he presents the anti-Israeli and
    pro-Palestine argument. He always seem unaware of the fact that his propaganda is
    hurting Israeli nationalists (who want to deport the Muslims from Israel) and that he is in
    fact helping the Israeli cultural Marxists/multiculturalists with his argumentation. In all
    five discussions they have moderated or fully changed their views after the discussion as
    they realize what they have done. But I was unable to discuss this issue further after I
    was banned and kicked out by Stormfront and another national socialist forum.
    In any case; educate yourself and learn the difference. Today’s conservatives and wantto-
    be Nazis are ignorant when they obsess so much over the Jews. There is no Jewish
    problem in Western Europe (with the exception of the UK and France) as we only have 1
    million in Western Europe, whereas 800 000 out of these 1 million live in France and the
    UK. The US on the other hand, with more than 6 million Jews (600% more than Europe)
    actually has a considerable Jewish problem. But please learn the difference between a
    nation-wrecking multiculturalist Jew and a conservative Jew. Don’t make the same
    mistake that NSDAP did. Never target a Jew because he is a Jew, but rather because he
    is a category A or B traitor. And don’t forget that the bulk of the category A and B traitors
    are Christian Europeans. 90% of the category A and B traitors in my own country,
    Norway, are Nordic, Christian category A and B traitors.

    das heißt: juden sind nicht wegen ihres jüdisch seins ein problem, sondern wegen ihrer politischen einstellung. er setzt genau die gleichen maßstäbe an sie wie an nichtjuden

    die kulturmarxismus-these mag zwar antisemitisch codiert sein, Breivik interessiert das aber gar nicht.

    „So basically, the NS ideology suggests that 950 Jews are controlling the Norwegian
    government, a government which is known to be the most anti-Zionist of all European
    countries…!? Let’s not forget, 1 000 Jews are controlling Ireland etc. These NS claims are
    absolutely ridiculous and counter-productive. Being a Norwegian myself, I know that
    these claims are completely false. They have no credibility whatsoever. The reason why
    multiculturalism was embraced in Norway and a majority of Western European countries
    was because of the cultural Marxist/multiculturalist alliance, an alliance dominated by
    indigenous atheist nationals and not Jews.“

  3. 3 tnb Juli (27) 2011 um 11 10´

    Jüdinnen und Juden eine politische Einstellung aufgrund ihres Jüdischseins zu unterstellen ist genau der gleiche antisemitische Unsinn. Das hatten wir hier alles ähnlich schonmal durchgekaut, glaube ich, beim »Judengen« von Sarrazin.

    Genauso ist es nichtig, ob sich Breivik für seine antisemitische Einstellung interessiert oder nicht: der Antisemitismus wohnt dem Antisemiten inne, unabhängig von dessen Bekenntnissen oder gar von Argumenten. Eine antisemitisch codierte Aussage ist definitiv eine antisemitische Aussage, eben weil sie den Antisemiten entlarvt.

  4. 4 bigmouth Juli (27) 2011 um 11 54´

    „Jüdinnen und Juden eine politische Einstellung aufgrund ihres Jüdischseins zu unterstellen“ eben das tut er nicht. er stellt eine statistische auffälligkeit fest, die er uA darüber erklärt, dass juden so politisch auf antisemitismus reagieren

    „der Antisemitismus wohnt dem Antisemiten inne, unabhängig von dessen Bekenntnissen oder gar von Argumenten. Eine antisemitisch codierte Aussage ist definitiv eine antisemitische Aussage, eben weil sie den Antisemiten entlarvt. “

    guck mal, das ist ein vollständiges zirkuläres argument.

  5. 5 Kassiopeia Juli (28) 2011 um 09 50´

    Also nur ein Verrückter. Gut dann brauchen wir uns ja keine Sorge machen. Dann brauchen wir ja nicht über die Islamophobie reden, nicht über Sarazzin, nicht über rechtspopulistische Parteien, die in einigen Ländern mit ihrer Islamfeindlichkeit Wahlergebnisse in der Größenordnung von Volksparteien erreichen.

    Gut, sein Weltbild offenbart einen strukturellen Antisemitismus – na dann, ist ja alles im Lot. Dann können wir uns wieder damit beschäftigen.

  6. 6 tnb Juli (28) 2011 um 10 46´

    @Kassiopeia:
    Du bist jetzt der erste, der das gesagt hat.
    Du bestreitest, dass er verrückt ist? Ein Blick auf diese bekloppte Uniform sagt alles.
    Die ganze Welt redet jetzt von Islamophobie, das Argument löst sich also auch in Luft auf.

    Und Antisemitismus findest du so lustig, ja? (Das ist nur eine rhetorische Frage, solche Trollkommentare werden jetzt nicht mehr freigeschaltet.)

  7. 7 Kassiopeia Juli (28) 2011 um 11 43´

    War Mengele, war Heydrich verrückt?

    Breivik hat lediglich konsequent das umgesetzt, was die Rechtspopulisten fordern. Dass die diejenigen, die für Multi-Kulti und dem Untergang des Abendlandes zuständig sind, mal ne ordentliche Abreibung bekommen.

    Das ist nicht verrückt – das ist konsequent. Der Moslem an sich zersetzt die europäische Kultur und wird das christlich weiße Europa zerstören. Er gehört einer niederen Gattung an und scheint gleichsam übermächtig.
    Hass auf und Furcht vor ihm, dass die brisante Mischung die hier explodiert ist. Eine ähnliche Mischung gab es auch mal gegenüber einer anderen Minorität. Natürlich sind die ‚Argumente‘ gegen die Moslems nicht dieselben wie gegen die Juden. Aber es tun sich erstaunliche Parallelen auf. Und das ist das entscheidende Punkt. Nicht das seine Position nicht ganz so israelsolidarisch ist, sondern sich vor allem auf ethnopluralistische Motive reduzieren lässt.

    Und ich finde weder Antisemitismus noch Islamophobie witzig (wie kommst du darauf???) nur wird letzteres völlig unterschätzt.

  8. 8 tnb Juli (28) 2011 um 12 27´

    Breivik ist ja nun nicht wirklich mit den Beamten des Holocaust zu vergleichen. Er ist eben nicht konsequent: er läuft Amok und glaubt in seinem Wahn, der Rest passiere mit seinem Wisch von selbst. Die Dialektik der Aufklärung greift bei ihm überhaupt nicht. Weil er eben durchaus verrückt ist.
    Diese »Mischung«, auf die du anspielst, sehe ich ehrlich gesagt nicht.

    Ich weiß nicht, zeigt »alles im Lot« beim Antisemitismus Humor oder Zynismus — sag du es mir.

    Hier wird Breivik besser verortet:

    Wenn auch die Requisiten ausgewechselt sind, so bleibt doch das paranoide Spiel dasselbe. Ob Nietzsche oder nationalistische Blogger, Haeckel oder Huntington, liberale Eliten oder „Kulturmarxisten“, moslemische Migranten oder die Flut der „Minderwertigen“ überhaupt, ob Mannweiber oder Feministinnen – die Strukturen des Hasses sind die gleichen geblieben.

    »Der Moslem« ist eben nicht die herrschende Elite, die der Antisemit mit den Juden identifiziert, das sind bei Breivik vielmehr die »Kulturmarxisten« (zufälligerweise Juden). Das heißt nicht, dass sein Hass auf Muslime aus dem Nichts kommt, aber es ist auch hier hanebüchen, diesen Hass mit Antisemitismus auf eine Ebene zu stellen.

  9. 9 earendil Juli (28) 2011 um 12 42´

    Einiges bei Breivik ist sicherlich verrückt – die Tempelrittergeschichte, die Uniformen, seine wohl herbeifantasierten weiteren Unterstützerzellen usw. Aber abgesehen davon bietet er quasi ein Kompendium von allem, was die Rechte in Europa heute mehrheitlich kennzeichnet: Hass auf alles Linke („Kulturmarxismus“), auf Multikulturalismus und auf Muslime, Antifeminismus, extremer Nationalismus, Sehnsucht nach dem autoritären Staat:

    Die Wurzeln des geistigen Kollapses Europas ortet Behring Breivik in der Frankfurter Schule. Deren «Kulturmarxismus» habe Erziehungswesen, Medien und Politik verseucht. In Herbert Marcuse sieht er den gefährlichsten Propagandisten dieser Richtung. Fast alles, was nicht in Behring Breiviks Weltbild passt, verdammt er als «kulturmarxistisch». Sogar den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg beurteilt er als marxistisch kontrollierte politische Organisation. Um eine Änderung herbeizuführen, ruft er eine «konservative Revolution» aus. Ein Abtreibungsverbot soll die Geburtenzahlen im Westen kräftig ansteigen lassen. Den Norwegern predigt er die Rückkehr zum Katholizismus, denn er ist gegen «Pastoren in Jeans, die für Palästina marschieren, und gegen Kirchen, die wie minimalistische Einkaufszentren aussehen». Weiter fordert er die Wiedereinführung der Todesstrafe, die Internierung von Rauschgiftsüchtigen, Umerziehungskurse für Marxisten, die Rückkehr zum Patriarchat, um die Kernfamilie zu fördern, mehr Disziplin in Elternhaus und Schule, auch Körperstrafen. Den Konsum will er einschränken, Forschung und Bildung massiv unterstützen.

    quelle

    Das klingt keineswegs nach beliebigen Versatzstücken, sondern nach einem geschlossenen rechten Weltbild, das nicht verrückter ist als das, was man sonst so aus ultrarechten Kreisen in Europa kennt.

    Seine „Israelsolidarität“ halte ich gar nicht für vorgeschoben, aber für rein instrumentell; Israel ist da der Frontstaat des Westens im Kulturkrieg gegen den Islam. Dabei stört natürlich das antisemitische Erbe der Rechten, das auch bei Breivik durchscheint („the US […] has a considerable Jewish problem“), aber viele nehmen das durchaus als Problem war und wollen sich dessen entledigen, entsprechend argumentiert Breivik im Wesentlichen anti-antisemitisch. Bei deutschen Neonazis ist das meistens anders, aber die sind nicht unbedingt typisch für die europäische Rechte von heute.

    Ebenso instrumentell sehe ich Breiviks Verhältnis zum Christentum, das ihm – genauso wie CDU/CSU und anderen Verteidigern des „christlichen Abendlandes“ (und nicht zuletzt der „Bahamas“) – als kulturelle Klammer Europas bzw. des Westens im Kampf gegen andere Kulturen dient, speziell gegen den Islam.

    Fazit: Es mögen zwar ein paar überkommene antisemitische Elemente bei Breivik zu finden sein, die sind aber gegenüber seinen sonstigen, hauptsächlich antilinken und antimuslimischen Ressentiments für sein Denken unwesentlich.

    Warum nun gewisse Leute bei dem Massenmörder lieber das antisemitische Körnchen suchen, anstatt dem großen antimuslimischen Haufen Beachtung zu schenken? (Sofern man sich nicht gleich auf den bequemen Standpunkt „der ist doch bloß verrückt“ zurückzieht.) Angst, dass das eigene Weltbild, nicht nur in diesem Punkt, gewisse Berührungen zum neu-rechten hat?

  10. 10 earendil Juli (28) 2011 um 12 52´

    »Der Moslem« ist eben nicht die herrschende Elite, die der Antisemit mit den Juden identifiziert, das sind bei Breivik vielmehr die »Kulturmarxisten« (zufälligerweise Juden).

    Naja, die Horrorfantasie von der bevorstehenden islamischen Machtübernahme in Europa ist aber schon ein neurechter Topos. (Was, zugegeben, noch nicht das gleiche ist wie die Mär von der jüdischen Weltverschwörung.)

    Und Breivik sieht eben NICHT die Juden als die herrschende Elite. Lies doch mal, was Bigmouth zitiert hat, da macht er sich ja expliziet über diese Vorstellung lustig.

  11. 11 Kassiopeia Juli (28) 2011 um 16 56´

    Breivik ist ja nun nicht wirklich mit den Beamten des Holocaust zu vergleichen.

    These: Wer in einer relativ offenen Gesellschaft schon so durchdreht, der ist bestens geeignet auch für ‚größere Projekte‘. Ich möchte nicht wissen, welchen Schaden jemand vom Kalibers Breiviks innerhalb einer totalitären Gesellschaft angerichtet hätte, die sein Handeln nicht sanktioniert, sondern fördert.
    So gesehen ist er genauso viel oder wenig verrückt, wie ein Beamter des Holocaust. Wenn ein Mengele in der BRD seine „Experimente“ durchgeführt hätte, bestünden gute Chancen, dass er aufgrund mangelnder Zurechnungsfähigkeit nicht ins Gefängnis käme.

    Er ist eben nicht konsequent: er läuft Amok […]

    Er ist nicht Amok gelaufen, denn er lebt noch und hatte auch nie vor sein Leben zu beenden, wie es bei einem Amoklauf klassischerweise der Fall ist.

    Die Dialektik der Aufklärung greift bei ihm überhaupt nicht.

    Es gibt in der Welt noch ein bisschen mehr als Adorno.

    Diese »Mischung«, auf die du anspielst, sehe ich ehrlich gesagt nicht.

    Er ist also nicht voller Angst und Hass auf Muslime und deren Helfer? Was hat ihn dann dazu bewogen? ‚Verrückt‘ erklärt da nichts.

    Ich weiß nicht, zeigt »alles im Lot« beim Antisemitismus Humor oder Zynismus — sag du es mir.

    Vielleicht missverständlich formuliert. Es ging darum mein Befremden über den Umstand zum Ausdruck zu bringen, dass Breivik hier ausgerechnet unter dem Thema „Antisemitismus“ verhandelt wird.

    Das heißt nicht, dass sein Hass auf Muslime aus dem Nichts kommt, aber es ist auch hier hanebüchen, diesen Hass mit Antisemitismus auf eine Ebene zu stellen.

    Steht Hass auf Muslime eigentlich nur auf einer anderen oder auf einen niedrigeren (ergo weniger schlimmen) Stufe? Aber mal im Ernst, woher kommt denn der Hass auf Muslime? Ich habe mit den aufgezeigten Parallelen zum Antisemitismus ein Angebot gemacht. Nur zu sagen, dass kann man nicht, sind dann zu wenig Argumente.

  12. 12 tnb Juli (28) 2011 um 18 36´

    @earendil

    Warum nun gewisse Leute bei dem Massenmörder lieber das antisemitische Körnchen suchen, anstatt dem großen antimuslimischen Haufen Beachtung zu schenken? (Sofern man sich nicht gleich auf den bequemen Standpunkt „der ist doch bloß verrückt“ zurückzieht.) Angst, dass das eigene Weltbild, nicht nur in diesem Punkt, gewisse Berührungen zum neu-rechten hat?

    Wer sind denn »gewisse Leute« und das »man« in der Klammer?
    So weit ich das überblicke, habe ich für meinen Teil nirgendwo geschrieben, dass er kein Muslimhasser wäre, geschweigedenn, dass er »bloß« verrückt wäre. Aber trotzdem braucht man diesen Wichser nicht für sein ach so »geschlossenes Weltbild« anhimmeln.
    Ich glaube nicht, dass Antisemitismus, und sei es selbst ein »Körnchen«, für das Denken des Antisemiten unwesentlich ist. Das schreibt doch auch Sartre, der bei deiner Bahamophobie doch eine angemessene Quelle ist.
    Das »antisemitische Körnchen« wird im Übrigen gesucht, weil man selbst etliche Jahrzehnte nach der Shoah noch riesige stinkende Haufen davon findet, grade auch in der Linken, die »nicht nur in diesem Punkt gewisse Berührungen« zu ganz ordinären Faschisten hat.

    Und Breivik sieht eben NICHT die Juden als die herrschende Elite. Lies doch mal, was Bigm. zitiert hat, da macht er sich ja expliziet über diese Vorstellung lustig.

    Aber die »Kulturmarxisten«, die den »Multikultimainstream nach 1945« in Gang gebracht hätten, sind kein antisemitischer Stereotyp?

    @Kassiopeia:

    Ich möchte nicht wissen, welchen Schaden jemand vom Kalibers Breiviks innerhalb einer totalitären Gesellschaft angerichtet hätte, die sein Handeln nicht sanktioniert, sondern fördert. […] Es gibt in der Welt noch ein bisschen mehr als Adorno.

    So spitze finde ich Adorno auch gar nicht, aber in linken Kreisen hat sich doch langsam rumgesprochen, dass man den Holocaust eher mit der Dialektik der Aufklärung in Verbindung bringen kann. Und das dort beschriebene Prinzip, das eben auf Mengele und Heydrich zutrifft, hat nicht viel mit Breivik zu tun. (Und ich möchte an dieser Stelle mal festhalten, dass ich den Holocaustvergleich nicht gebracht habe und auch bescheuert finde, sonst ist das drei Kommentare später wieder ein Beleg für mein Antideutschtum.)

    Es ging darum mein Befremden über den Umstand zum Ausdruck zu bringen, dass Breivik hier ausgerechnet unter dem Thema „Antisemitismus“ verhandelt wird.

    Weil ich dazu was Konstruktives zu schreiben hatte, ist doch klar.

    Steht Hass auf Muslime eigentlich nur auf einer anderen oder auf einen niedrigeren (ergo weniger schlimmen) Stufe? Aber mal im Ernst, woher kommt denn der Hass auf Muslime? Ich habe mit den aufgezeigten Parallelen zum Antisemitismus ein Angebot gemacht. Nur zu sagen, dass kann man nicht, sind dann zu wenig Argumente.

    Ich meinte keine hierarchisch angeordneten Ebenen. Hätte sonst ja Stufen schreiben können.
    Also mal so ganz grobschlächtig entworfen, ist der Hass auf Fremdgruppen nicht viel mehr als ein Abwehrmechanismus innerer Konflikte. Warum aber nun Breiviks Hass auf Muslime nicht deckungsgleich mit dem Antisemitismus ist, habe ich ja schon aufgeschrieben.

  13. 13 tnb Juli (28) 2011 um 18 49´
  14. 14 Kassiopeia Juli (28) 2011 um 20 25´

    Weil ich dazu was Konstruktives zu schreiben hatte, ist doch klar.

    Und zu seinem Muslimenhass hast du nichts konstruktives zu sagen? Und genau das ist der Vorwurf.

    Das »antisemitische Körnchen« wird im Übrigen gesucht, weil man selbst etliche Jahrzehnte nach der Shoah noch riesige stinkende Haufen davon findet, grade auch in der Linken, die »nicht nur in diesem Punkt gewisse Berührungen« zu ganz ordinären Faschisten hat.

    Reden wir noch von Norwegen? Reden wir noch von Breivik? Als ob Antisemitismus bei ihm das charakteristische Merkmal bei ihm ist. Setz mal deine („anti“)deutsche Brille mal kurz ab.

  15. 15 tnb Juli (29) 2011 um 06 47´

    Und zu seinem Muslimenhass hast du nichts konstruktives zu sagen? Und genau das ist der Vorwurf.

    Wenn das der Vorwurf wäre, dann wären hier einfach ein paar Kommentatoren reingeschneit und hätten genau an dem Punkt ergänzt. Es ist aber was ganz anderes passiert, was so gut wie immer passiert, wenn hier in einem Beitrag die Worte Antisemitismus und Israel auftauchen. Ist aber auch einfach nur ein Eindruck.

    Reden wir noch von Norwegen? Reden wir noch von Breivik?

    Eher nicht, aber hier hab ich auch wieder nur auf einen Einwand geantwortet, der Punkt ist nicht von mir.

    Als ob Antisemitismus bei ihm das charakteristische Merkmal bei ihm ist. Setz mal deine („anti“)deutsche Brille mal kurz ab.

    Meiner Meinung nach ist Antisemitismus durchaus eine spezifische Psychopathologie, die für den ganzen Charakter des Antisemiten konstituierend ist, und um den Punkt scheint es sich hier die ganze Zeit zu drehen. Ich kann da nur nochmal auf den Beitrag über Sartre verweisen.
    Soll das jetzt der Spin sein, antideutsch=deutsch?

  16. 16 Kassiopeia Juli (29) 2011 um 10 05´

    Es ist aber was ganz anderes passiert, was so gut wie immer passiert, wenn hier in einem Beitrag die Worte Antisemitismus und Israel auftauchen. Ist aber auch einfach nur ein Eindruck.

    Der Titel des Beitrages heißt: Der Verrückte und Israel. Die Kritik ist: Wer zu Breivik einfach nur ‚verrückt‘ sagt, der verkennt, dass Breivik nur das umsetzt, was Rechtspopulisten die ganze Zeit fordert. Rechtspopulisten erzeugen genau das Klima, wo solche Taten gedeihen. Am Anfang war das Wort. Und jetzt schau dich mal bitte um, zu welcher Größe diese Parteien mit dezidiert antimuslimischen (nicht antisemitischen!) Positionen in Teilen Europas bereits herangewachsen sind.

    Wenn du statt darüber lieber über antisemitische Tendenzen bei Breivik sprechen willst bitte. Aber wundere dich nicht, dass dann einige Leute da beginnen mit dem Kopf zu schütteln.

    Meiner Meinung nach ist Antisemitismus durchaus eine spezifische Psychopathologie, die für den ganzen Charakter des Antisemiten konstituierend ist, und um den Punkt scheint es sich hier die ganze Zeit zu drehen.

    Schöner Fall von Rabulistik. Darum ging es zu keiner Zeit, das streitet niemand ab. Die Frage ist nur, ob Antisemitismus die erklärende Variable für die Taten von Norwegen sind. Ich sage nein. Antisemitismus gehört bei Breivik nicht zu einer Handlungsdisposition, sondern eben sein Muslimenhass, sein Hass gegen offene Gesellschaften, sein Hass die Menschlichkeit.

    Das ist natürlich nicht deckungsgleich mit Antisemitismus. Aber du kannst nicht unerhebliche Teile seines Weltbildes durch Antisemitismus substituieren. (Der Antisemit muss auch gegen offene Gesellschaften sein, der Antisemit will i.d.R. auch sein Volk durch die Ausschaltung des Juden, der eigene Vernichtung zuvorkommen).

    Das ist Parallelen gemeint. Nicht ganz überraschend, gehört Antisemitismus und Muslimenhass doch zu gleichen Kategorie (Hass auf Fremdgruppen) wobei der Moslemhass langsam auch eliminatorische Züge bekommt.

  17. 17 tnb Juli (29) 2011 um 10 35´

    Wer zu Breivik einfach nur ‚verrückt‘ sagt, der verkennt, dass Breivik nur das umsetzt, was Rechtspopulisten die ganze Zeit fordert.

    Das sehe ich ganz anders. Natürlich ist er nicht einfach nur verrückt, das habe ich ja schon geschrieben. Aber er stellt keine Innovation dar, keine politische Bewegung oder ähnliches. Seine Tat fliegt der neuen Rechten vollkommen zurecht um die Ohren, aber wenn er nicht verrückt ist und so ein geschlossenes Weltbild hat — dann ist er auch nicht der »Vollstrecker« neu-rechter Politik. Vielmehr die hässliche Fratze dieser ideologischen Versatzstücke, die er nichtsdestotrotz neu angeordnet hat, wie ich meine. Und das in einer einigermaßen einzigartigen Form, was insgesamt nur Sinn ergibt, wenn man ihm heftigste Verschwörungsideologie attestiert, was widerum — erst recht in Verbindung mit der Tat selbst — ein dickes Ausrufezeichen für eine Psychopathologie ist. Hier ist das Thema ein bisschen ausdifferenziert: http://www.sueddeutsche.de/wissen/anders-behring-breivik-ideologie-und-wahnsinn-1.1125103

    Wenn du statt darüber lieber über antisemitische Tendenzen bei Breivik sprechen willst bitte. Aber wundere dich nicht, dass dann einige Leute da beginnen mit dem Kopf zu schütteln.

    Doch, ich wundere mich, dass eine deutsche Linke seit Jahrzehnten nichts vom Antisemitismus hören will. Diese Ignoranz ist hochseltsam.

    Schöner Fall von Rabulistik. Darum ging es zu keiner Zeit, das streitet niemand ab. Die Frage ist nur, ob Antisemitismus die erklärende Variable für die Taten von Norwegen sind. Ich sage nein. Antisemitismus gehört bei Breivik nicht zu einer Handlungsdisposition, sondern eben sein Muslimenhass, sein Hass gegen offene Gesellschaften, sein Hass die Menschlichkeit.

    Danke und Gruß zurück. Diese Frage habe ich nämlich nie gestellt. Ich habe ihm lediglich Antisemitismus attestiert.

    Das ist Parallelen gemeint. Nicht ganz überraschend, gehört Antisemitismus und Muslimenhass doch zu gleichen Kategorie (Hass auf Fremdgruppen) wobei der Moslemhass langsam auch eliminatorische Züge bekommt.

    Wenn man die Kategorie weit genug fasst, meinetwegen. Dennoch kann man die Alleinstellungsmerkmale des Antisemitismus nicht einfach so auf irgendeine aktuelle Debatte übertragen.
    Warum schreibt denn niemand auf, was den Hass auf Muslime besonders macht, warum er oder sie das denkt und was die Prognose sowie mögliche Ansatzpunkte für eine Kritik sind? Entrüstete Deutsche hingegen, die bei anscheinend jeder Gelegenheit aufschreien, das seie ja dasselbe wie mit den Juden damals, machen sich mehr als verdächtig. Das ist nämlich Relativierung und keine angemessene Kritik.

  18. 18 Kassiopeia Juli (29) 2011 um 11 14´

    Doch, ich wundere mich, dass eine deutsche Linke seit Jahrzehnten nichts vom Antisemitismus hören will. Diese Ignoranz ist hochseltsam.

    ein deutsche Linke – alles klar.

    Es geht hier außerdem um Norwegen. Und der Vorfall ist nicht Jahrzehnte alt. Und wenn Leute deine pathologische Suche nach dem Korn Antisemitismus bei Breivik mit Kopfschütteln quittieren, dann kann man:

    a) sich fragen, ob man nicht vielleicht diesmal einfach übers Ziel hinausgeschossen ist.

    b) feststellen, dass alle Antisemiten sind außer Mutti.

    Du hast dich anscheinend für letzteres entschieden. Alles sind Antisemiten oder wollen zumindest sich nicht damit auseinandersetzen.

    Warum schreibt denn niemand auf, was den Hass auf Muslime besonders macht, warum er oder sie das denkt und was die Prognose sowie mögliche Ansatzpunkte für eine Kritik sind? Entrüstete Deutsche hingegen, die bei anscheinend jeder Gelegenheit aufschreien, das seie ja dasselbe wie mit den Juden damals, machen sich mehr als verdächtig. Das ist nämlich Relativierung und keine angemessene Kritik.

    Ich habe hier mehr als nur einmal versucht diesen Faden aufzunehmen. Lies dir den Thread – ganz nüchtern – einfach nochmal durch.

  19. 19 earendil Juli (29) 2011 um 11 15´

    Aber die »Kulturmarxisten«, die den »Multikultimainstream nach 1945« in Gang gebracht hätten, sind kein antisemitischer Stereotyp?

    Ursprünglich ja, aber bei Breivik ist das ganz offensichtlich NICHT antisemitisch konnotiert.

  20. 20 earendil Juli (29) 2011 um 11 21´

    Warum schreibt denn niemand auf, was den Hass auf Muslime besonders macht

    Imo in erster Linie, dass er das bestimmende rassistische Paradigma des 21. Jahrhunderts ist. Ansonsten nicht viel, aber das reicht mir schon.

    Ich würde es tatsächlich so sehen, dass der Antisemitismus zumindest in Europa heute eine untergeordnete Rolle spielt. Aber ich denke mal, der Knackpunkt ist, dass wir uns nicht ganz einig werden würden, was alles unter Antisemitismus bzw. antimuslimischen Rassismus fällt…

  21. 21 tnb Juli (29) 2011 um 11 42´

    @earendil:

    Ursprünglich ja, aber bei Breivik ist das ganz offensichtlich NICHT antisemitisch konnotiert.

    Dann finden wir in dieser Situation eh nicht mehr zueinander. Breiviks Weltbild ist nämich offensichtlich antisemitisch strukturiert.

    @Kassiopeia:

    Es geht hier außerdem um Norwegen. Und der Vorfall ist nicht Jahrzehnte alt. Und wenn Leute deine pathologische Suche nach dem Korn Antisemitismus bei Breivik mit Kopfschütteln quittieren, dann kann man:

    Ich werde gefragt, warum ich über Antisemitismus rede, und ich habe geantwortet, warum ich das tue und warum ich den Unwillen darüber nicht verstehe. Dass Breiviks Tat grade mal eine Woche her ist, hab ich auch grade noch recherchiert, danke.

    a) sich fragen, ob man nicht vielleicht diesmal einfach übers Ziel hinausgeschossen ist.

    b) feststellen, dass alle Antisemiten sind außer Mutti.

    Du hast dich anscheinend für letzteres entschieden. Alles sind Antisemiten oder wollen zumindest sich nicht damit auseinandersetzen.

    Ach, so ein Quatsch. Breivik ist ein Antisemit, und wenn man eine linke, eine emanzipatorische Kritik formulieren will, hat man sich damit auseinanderzusetzen. Ich denke nicht, dass das ein Streitpunkt ist.

    Ich habe hier mehr als nur einmal versucht diesen Faden aufzunehmen.

    Mein Schlusssatz oben bezog sich nicht explizit auf dich und deine Aussagen. Für diesen Faden interessiere ich mich ja eben, vor allem, was du jetzt grade darunter verstehst.

  22. 22 bigmouth Juli (29) 2011 um 12 32´

    Breiviks Weltbild ist nämich offensichtlich antisemitisch strukturiert.

    eben das bestreiten wir, und du belegst es nicht

  23. 23 Kassiopeia Juli (31) 2011 um 14 59´
  24. 24 earendil August (2) 2011 um 11 24´

    „Antisemitisch strukturiert“, aha. Man gut, dass es diese schöne Leerformel gibt, sonst wäre es ganz schön schwierig, jemanden, der ausdrücklich nichts gegen Juden hat, zum Antisemiten zu machen.

    Es gibt tatsächlich ein paar antisemitische Elemente bei Breivik (was anderes würde bei der starken antisemitischen Tradition der europäischen Rechten auch verwundern), aber die muss man schon mit der Lupe suchen, und ich sehe auch nicht, inwiefern die für sein Denken bestimmend sein sollen. Gut, wenn man kurzerhand jegliches Verschwörungsdenken als (strukturell) antisemitisch ansieht…

    Ergänzend zum proisraelischen Turn der Rechtspopulisten: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777210,00.html

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Schluss jetzt.