Occupy Production!

Die Occupy-Bewegung ist heute halbwegs überraschend in Deutschland angekommen. Das ist einerseits begrüßenswert, weil Menschen ihren Platz im Politischen tatsächlich beanspruchen, aber andererseits ist Misstrauen durchaus angebracht, spätestens natürlich, wenn sich eintausend plus x Deutsche versammeln und einer Meinung sind.
Fangen wir mit der guten Nachricht an: der Text von Occupy Germany auf Facebook eignet sich definitiv nicht zur Yuppiejagd zurückgebliebener Jungrevolutionär_innen. Dennoch gibt es ein grundsätzliches Problem an diesen Protesten, sie richten sich nämlich nicht gegen den Kapitalismus an sich, also die Märkte, sondern nur »gegen die Banken, gegen die finanziellen Machthaber im System«, und sind damit so antikapitalistisch wie mein Gameboy.
Das hat meiner Meinung nach zweierlei Gründe: einerseits das nicht-vorhandene Verständnis der mehrheitlichen Bevölkerung für volkswirtschaftliche Zusammenhänge, zweitens das dadurch fehlende Verständnis für die Kritik der herrschenden Verhältnisse. Gegen den ersten Punkt hilft, salopp gemacht, massive Propaganda für marxistisch-dialektische Autodidaktik. Das Problem dabei ist aber, das vermutlich grade das Unverständnis der Zusammenhänge der Grund für den Protest selber ist. Die Empörung und Wut richtet sich nämlich ausschließlich gegen das Abstrakte im heutigen Wirtschaften, welches Unverständnis hervorruft und als losgelöst vom erlebbaren Alltag wahrgenommen wird.

Diese Form des ’Antikapitalismus‘ beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte. Abstraktes und Konkretes werden nicht in ihrer Einheit als begründende Teile einer Antinomie verstanden, für die gilt, daß die wirkliche Überwindung des Abstrakten – der Wertseite – die geschichtlich-praktische Aufhebung des Gegensatzes selbst sowie jeder seiner Seiten einschließt. Statt dessen findet sich lediglich der einseitige Angriff gegen die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht und, auf anderer Ebene, gegen das Geld- und Finanzkapital. So gesehen entspricht dieses Denken seiner komplementären liberalen Position in antinomischer Weise: Im Liberalismus bleibt die Herrschaft des Abstrakten unbefragt; eine Unterscheidung zwischen positiver und kritischer Vernunft wird nicht getroffen.
Moishe Postone: Antisemitismus und Nationalsozialismus

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, wie sich die Occupy-Bewegung entwickeln kann.
1. Der Protest ist Ausgangspunkt einer massenhaften Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Erfordert massive Propaganda und wissbegierliche »Empörte«, was beides schwer zu stemmen wäre.
2. Der Protest setzt sich fort und entwickelt sich nicht über die Bankenjagd hinaus. Im besten Falle passiert nichts, auch weil die Sozialdemokratie die Bewegung schluckt. Vor allem aber, weil gar nichts passieren kann, wenn die kapitalistische Produktion nicht über den Haufen geworfen wird. Im schlechtesten Fall werden auf dem Weg noch die Falschen gelyncht, aber eher nicht.
3. Die Proteste ebben ab und ein paar warme Worte reichen wieder aus.

Soll den internationalen Finanzmärkten wirklich der Geldhahn zugedreht werden, hilft nur eins: den Laden selber zu schmeißen. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Denn eine gemeinschaftliche Produktion macht de facto das Geld überflüssig, welches so wehleidig »verzockt« wird. Anstatt auf den Bundestag, die Bankenviertel oder die Kaffeepause zu marschieren, müsste man dann aber die Produktionsstätten besetzen.
Falls also jemand gleich bis hier runtergescrollt hat, alles nochmal in Bold:
Die Krise ist der Arbeitsplatz! Erobert ihn zurück! Occupy Production! Und ab.

verlinken:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • MySpace
  • Tumblr
  • del.icio.us
  • email