Daniil Charms: »Und was kommt dann? Wasser?«

Da sitze ich auf einem Stuhl. Und der Stuhl steht auf dem Boden. Und der Boden gehört zum Haus. Und das Haus steht auf der Erde. Und die Erde erstreckt sich in alle Richtungen, nach rechts und nach links, vor und zurück. Und endet sie irgendwo? Denn es kann ja nicht sein, dass sie nirgends endet! Unbedingt muss sie irgendwo enden! Und was kommt dann? Wasser? Und schwimmt die Erde auf dem Wasser? Das glaubten die Leute ja früher. Und sie glaubten, da, wo das Wasser endet, da vereinigt es sich mit dem Himmel.
Und tatsächlich, wenn man auf einem Schiff im Meer ist, wo nichts ringsumher den Blick verstellt, da scheint es, als sinke irgendwo weit entfernt der Himmel herab und vereinige sich mit dem Wasser.
Der Himmel erschien den Menschen als große harte Kuppel, aus etwas Durchsichtigem, Glasartigem gemacht. Aber damals kannte man noch kein Glas und sagte, der Himmel sei aus Kristall gemacht. Und man nannte den Himmel Feste. Und die Menschen dachten, der Himmel oder die Feste sei das Beständigste, das Unveränderlichste. Alles könne sich verändern, aber die Feste verändere sich nicht. Und bis jetzt sagen wir, wenn wir von etwas sprechen, das sich nicht verändern soll: Das muss festgelegt werden.
Und die Menschen sahen, wie sich Sonne und Mond am Himmel bewegen und die Sterne unbeweglich stehen. Da begannen die Menschen, die Sterne aufmerksamer zu beobachten, und bemerkten, dass die Sterne am Himmel Figuren bilden. Sieben Sterne zum Beispiel bilden die Form eines Topfs mit Henkel, drei Sterne stehen einer nach dem anderen auf einer Linie. Die Menschen lernten, die Sterne voneinander zu unterscheiden, und sahen, dass sich die Sterne auch bewegen, nur alle auf einmal, als seien sie am Himmel befestigt und bewegten sich zusammen mit dem Himmel. Und die Menschen befanden, der Himmel drehe sich um die Erde.
Da teilten die Menschen den ganzen Himmel in einzelne Sternfiguren ein, und jede Sternfigur nannten sie Sternbild, und jedem Sternbild gaben sie einen Namen.
Aber dann sahen die Menschen, dass nicht alle Sterne sich zusammen mit dem Himmel bewegen, sondern dass es auch solche gibt, die zwischen anderen Sternen umherirren. Und die Menschen nannten diese Sterne Planeten.

(1931)

Daniil Charms

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