Ein Fall für die Psychiatrie

Das medizinische Gutachten über Anders Breivik liegt nun vor und kommt zu der Schlussfolgerung, die hier schon vorsichtig vermutet wurde: Der Mann ist krank, nicht politisch indoktriniert.

Leygraf: Die Theorie, dass seine Taten einen internationalen rechtsextremen Hintergrund haben, ist damit nicht mehr zu halten. Es handelt sich um die individuelle Krankheit eines Menschen. Das bedeutet auf der anderen Seite aber nicht, dass Rechtsextremismus nicht mehr gefährlich wäre. Aber das, was er geschrieben hat, wird man in erster Linie unter dem Aspekt seiner Krankheit bewerten müssen.

ZEIT ONLINE: In Breiviks krankem Weltbild waren die Morde an Unschuldigen offenbar gerechtfertigt. Was unterscheidet ihn von religiös motivierten Fundamentalisten? Könnten sie auch als unzurechnungsfähig gelten?

Leygraf: Nein, weil ein religiös motivierter Akt nicht durch eine wahnhafte Erkrankung ausgelöst wird. Aus psychiatrischer Sicht besitzen religiös motivierte Fundamentalisten eine sogenannte überweltliche Idee. Zu solchen Ideen kann ein Mensch im Unterschied zum Wahn kritischen Abstand gewinnen. Das hat nichts mit einer Krankheit zu tun. Zudem gehört zu der Diagnose paranoide Schizophrenie nicht nur der Wahn. Es gibt immer auch andere Symptome wie eine Störung der Affektivität oder der zwischenmenschlichen Kontaktfähigkeit. Die von außen absurd erscheinende Überzeugung macht nicht die Krankheit aus.

das ganze Interview mit dem Professor für Psychiatrie, Norbert Leygraf

verlinken:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • MySpace
  • Tumblr
  • del.icio.us
  • email

9 Ansprachen zu „Ein Fall für die Psychiatrie“


  1. 1 Nachos Dezember (1) 2011 um 13 05´

    Nicht überzeugend, eure Theorie.

  2. 2 spiegelschrift Dezember (1) 2011 um 13 47´

    Auch wenn es nur ein Kommentar ist, und noch nicht einmal ein sonderlich guter:

    http://blog.zeit.de/joerglau/2011/11/30/breivik-unzurechnungsfahig_5289

    da ich zumindest die schweren Bauchschmerzen teile, die Pathologisierung der Tat so einfach mitzutragen. Breivik hat die Idee eines bedrohten Kollektivsubjekts Volk so weit gedacht, dass er dessen Bedrohung/“Lebens“gefährdung als Kriegsgrund verstanden hat, und war dann ein technisch effektiver Soldat. Die Vorstellung eines Kollektivsubjekts das einen eigenständigen Wert trägt (Volk, Nation, Kultur usw.) ist nichts, was üblicherweise pathologisiert wird, sondern der gesellschaftliche Normalfall (so leid mir das tut), das Streben nach effektiver Umsetzung eigener Handlungsprämissen ebenso, und selbst die Vorstellung, zur „Verteidigung“ seines „Volkes“ zu töten, ist Normalfall. Die Pathologisierung als paranoide Shizophrenie oder Psychose (bei der ich gern erklärt bekäme, wie anhand gängiger Diagnoseschemata eine paranoide Shizophrenie diagnostiziert werden soll. Ich jedenfalls sehe kaum welche der gängigen Symptome) führt a) zu einer Abwehr dieser gesellschaftlich normalen Ideologieelemente (denn Krankheit ist immer als gesellschaftlicher Ausnahmefall und Abweichung gedacht) und b) untergräbt sie Standarts des Rechtsstaats, da es so weder zu einer Verurteilung kommen kann, noch Breiviks basale Menschenrechte gewahrt bleiben (faktisch steht er dann wohl vor der Wahl: Psychopharmakation mit Neuroleptika oder dauerhafte isolierte Unterbringung).

  3. 3 tnb Dezember (2) 2011 um 13 57´

    Bei ihm kommen offensichtlich viele Dinge zusammen. Da ist dieser moderne Rechtsextremismus, der sich immer aggressiver gegen Muslime wendet. Da ist dann auch Antisemitismus und vor allem viel Verschwörungsideologie. Grade letzteres ist ja sehr naheliegend in einem psychotischen Zustand, in dem man sich als Nabel der Welt begreift und damit einhergehend von allseits bedroht sieht.
    Dass Breivik den Kontakt zur Realität vollkommen verloren hat, erscheint angesichts seiner Fantasieuniformen, seines Auftretens und seines „Manifestes“ ziemlich plausibel. Die daraus letztlich folgende Diagnose bedeutet, dass er nicht strafrechtlich belangt werden kann, und das ist auch vollkommen richtig, denn sonst würden die Gerichte auch andere psychisch Erkrankte sowie geistig behinderte Personen aburteilen.
    Breiviks Diagnose bedeutet allerdings nicht!, dass ein psychisch gesunder Mensch diese Tat nicht hätte begehen können. Genausowenig kann man daraus schließen, dass die rassistische, antisemitische und latent chauvinistische Mehrheitsgesellschaft keinen Anteil an dem hat, was sich in Breiviks Kopf abspielte. Soll heißen: nur weil Breivik nicht die juristische Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann, verfällt nicht die Verantwortung derjenigen, die gegen vermeintlich Schwächere hetzen. Die können im Gegensatz zu Breivik nämlich über das Richtig und Falsch ihrer Handlungen reflektieren und Distanz zu ihrem Gedankengut gewinnen, was Breivik erwiesenermaßen schlicht nicht möglich war; ansonsten hätte nämlich die Möglichkeit bestanden, dass er sich gegen diese Tat entscheidet.

  4. 4 spiegelschrift Dezember (2) 2011 um 14 16´

    Auch aus der Zeit:

    Eine schizophrene Psychose ist keine momentane seelische Unpässlichkeit, sondern eine tiefgreifende Störung der Persönlichkeit. Drei Merkmale finden sich besonders häufig. Die Kranken hören Stimmen, die ihr Verhalten kommentieren und ihnen Anweisungen erteilen. Alltägliches Erleben bekommt eine tiefere Bedeutung, das Nummernschild eines vorbeifahrenden Autos etwa steht in Verbindung mit dem Schicksal der Welt, ein Zeitungsartikel enthält eine verschlüsselte Botschaft an den Kranken, die ihn förmlich anspringt. Und schließlich haben viele das Gefühl, nicht selbst zu denken oder zu handeln, sondern „gemacht“ zu werden. Sie glauben, gelenkt und gesteuert zu werden.
    (http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-12/breivik-schizophrenie/seite-2)

    Ich wüsste wohl gerne ob Breivik all dies in den Verhören behauptet hat, ob es ihm von dem/den Gutachter(n) unterstellt wird, oder ob . Seiner Selbstdarstellung im Manifest deutet nicht darauf hin, wenn ich es richtig überblicke, widerspricht dem eher. Sein hohes Maß an Planungsfähigkeit und sein normal-sozialer Umgang etwa mit Nachbar_innen – also der Mangel an Denkstörungen und kognitiven Defiziten – wurde ja schon als Ausnahme zugestanden. Klar ist es möglich, das er im direkten Umgang entsprechende Sprach- und Stimmungsstörungen (wie es heißt) aufweist, aber sein bisheriges Auftreten und sein Manifest deuten nicht daraufhin und unterscheidet sich doch massiv von den mir sonst so bekannten Zeugnissen paranoider Shizophreniker_innen. Einzig seine Verschwörungstheorie (die sich aber weit mehr um Konstistenz bemüht als übliche bei Diagnostizierten) und die Fähigkeit, kaltblütig zu töten passen von hier aus ins Bild. (wobei, wenn ich mich richtig erinnere, er laut seinem Manifest sogar besorgt war, nicht kaltblütig töten zu können, und dafür Ampitamin-Selbstmedikamention als Hilfsmittel vorsah)

    Mir gruselt es daher immer noch bei der Vorstellung, dass (wenn das Verfahren jetzt so weiterläuft) Breivik psyiatriert und (vermutlich) zwangsmedikamentiert wird (Medikamention mit Neuroleptika zur Herstellung von sog. Theraphiefähigkeit), anstatt wie ein Straftäter behandelt zu werden. Würde er Behandlung wünschen, hätte ich da wenig Probleme mit, aber Straftäter_innen gegen ihren Willen zu psychiatrieren und unter persönlichkeitsverändernde Medikamente zu setzen, halte ich ungeachtet der Absurdität ihrer Ideologie für (ethisch und politisch) falsch.

  5. 5 tnb Dezember (2) 2011 um 17 32´

    Das mit den Stimmen ist zwar ein ziemlich eindeutiges und eindrückliches Symptom, aber muss nicht unbedingt auftreten. Es ist auch möglich, Psychosen ein Stück weit zu „kultivieren“. Dann ist ein Gespräch aus zwei Sätzen tatsächlich unauffällig, und die Störung äußert sich möglicherweise nur in willkürlichen, aber gleichsam zwanghaften Zusammenhängen. (Ich habe mal ein Video gesehen, da hat man nahezu zusehen können, wie ein Patient in eine Pscyhose gerutscht ist, hat er später auch selber bestätigt. Das hätte ich jetzt gerne verlinkt, aber ich finde es nicht mehr. Das war eine Doku über eine Konferenz mit Ärzten und Patienten zu dem Komplex, falls doch noch jemand danach suchen will.) Also: nur weil jemand nicht schreiend durch die Fußgängerzone rennt, heißt es nicht, dass er keine psychischen Störungen haben kann, und dafür ist Breivik anscheinend ein prominentes Beispiel. (Planungsfähigkeit wird durch die Psychose auch nicht zwingend in Mitleidenschaft gezogen.)

    Dass er eine Selbstmedikation in Erwägung zieht, ist in meinen Augen eher ein Indiz für die krankhafte Fixiertheit auf den Massenmord als einzige „Lösung“: er würde eher Pillen schlucken und losschießen, als darauf zu verzichten und sich stattdessen von seinem Ziel abzuwenden. Genau diese Zwanghaftigkeit im Denken ist ja ein Aspekt der Psychose.

    Und der letzte Einwand ist ja ein durchaus wichtiger Aspekt der forensischen Psychiatrie. Das hat im Speziellen nichts mit dem Fall Breiviks zu tun, aber ist dennoch schwierig. Der Artikel hier ist zwar etwas älter, aber dennoch ganz interessant:
    http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=29064
    Wenn er keine Lust auf Therapie hat, und gleichzeitig keine Eigen- und Fremdgefährdung festgestellt wird, dürte es auch nicht zu einer Zwangsmedikation kommen, so weit ich weiß. Keine Ahnung, wie die Situation in Norwegen ist.

  6. 6 spiegelschrift Dezember (2) 2011 um 20 50´

    In Deutschland reichte bis vor kurzem eine einmalige Fremdgefährdung (wie Breiviks Taten ja unzweifelhaft belegen), es gab vor kurzem erst ein Urteil, das dieser Praxis widersprach (ein als psychotisch diagnostizierter Mensch, der in einem psychotischen Schub seine Frau und Kinder getötet hatte, danach aber nie mehr fremd- oder eigengefährdend war, verweigerte die Medikamentierung, und musste über Jahre gegen die Zwangsmedikamention anklagen. Hab das Urteil/Artikel darüber leider nicht zur Hand).
    Das ich ne paranoide Shizophrenie nicht ad hoc merke, weiß ich selbst (aus Anschauung). Mein Hinweis diente mehr der problematisierung, das die meisten Symptome entweder bei Breivik nicht zutreffen oder von ihm mitgeteilt sein müssten, da sie „von außen“ nicht einsehbar sind. Sofern er das mitgeteilt hat (etwa das er Stimmen hört etc.) sag ich dazu ja garnichts mehr, aber ggf. nur aus so Dingen wie „Konsequenz“/“Fanatismus“, „Verschwörungsdenken“ und „mangelndes Mitleid“ eine psychische Erkrankung zu folgern, finde ich gefährlich.

  7. 7 tnb Dezember (2) 2011 um 21 49´

    Das ist dann mangelndes Wissen meinerseits, da werde ich sicherlich einiges nachlesen müssen. Was Eigen- und Fremdgefährdung angeht, bewegt man sich ja zwangsläufig in einer schlimmen Grauzone.

    Ja, richtig. Ich wollte jetzt aus meinen Beobachtungen auch nicht diese Diagnose basteln, das wäre vollkommen bescheuert und natürlich gefährlich. Mir ging es darum, aufzuzeigen, warum ich die Diagnose plausibel finde.
    Nunja, Breivik besitzt ja durchaus ein starkes Mitteilungsbedürfnis, er hat auch mit den Psychiater_innen gesprochen. Dort wird er nicht direkt über seine Symptome gesprochen haben. Aber trotzdem lassen sich im Gespräch Denkmuster feststellen, auf die sich das psychiatrische Gutachten scheinbar auch stützt. Insofern ist eine mögliche psychische Störung durchaus einsehbar, denke ich.

  8. 8 bigmouth Dezember (3) 2011 um 14 57´

    die möglichkeit einer psychischen erkrankung wird wohl kaum jemand bestreiten wollen – der narzissmus in den selbstgeschriebenen manifestteilen ist ja schon im juli angemerkt worden. bspw hat breivik ja einen wirtschaftlichen erfolg wohl erfunden. trotzdem finde ich die schlußfolgerung „Der Mann ist krank, nicht politisch indoktriniert“ komisch, da ich den widerspruch nicht sehe.

  9. 9 tnb Dezember (3) 2011 um 15 18´

    Den Unterschied, den ich sehe, habe ich in meinen Kommentaren ja schon etwas ausdifferenziert. Natürlich finden wir Fragmente vielfältigen politischen Wahns und Unsinns in seinen Ausführungen. Aber der Unterschied zu anderen Gewalttätern, Mördern und auch Hetzern ist eben die ihm mangelnde Fähigkeit, Einsicht in die Wahnhaftigkeit seines Denkens und Tuns zu gewinnen (solange er sich in einem psychotischen Zustand befindet). Seine Erkrankung raubt ihm in diesem Punkt wie gesagt die Möglichkeit, Richtig und Falsch zu trennen, weswegen ich die von ihm konstruierten Zusammenhänge allesamt über seine Psychose lesen würde und auch eine strafrechtliche Verurteilung seiner Tat moralisch wie politisch für unverantwortlich halte.
    Das tangiert aber nicht die Diskussion um eben die Fragmente, die er im Laufe seiner „Patienten-Karriere“ in sich aufgenommen hat. Insofern ist die Frage nach seiner Schuldfähigkeit keine politische, weil sie es nicht sein darf und auch weil sie die politischen Fragen, die sich aus seinem Massenmord ergeben, nicht berührt.

Schluss jetzt.