Archiv der Kategorie 'Antisemitismus'

»Ich habe keine Kraft mehr.«

Sie sind 1959 nach Deutschland gegangen. Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Entschluss richtig war?
Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.
—Marcel Reich-Ranicki

Zecken und Blutsauger

Gemäß dem Schreiben müsse davon ausgegangen werden, dass „noch zwei weitere Briefbomben verschickt worden sein könnten“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung weiter. In dem Schreiben war demnach die Rede von drei geplanten Explosionen „gegen Banken, Bankiers, Zecken und Blutsauger“. Das LKA geht daher davon aus, dass noch zwei weitere Briefbomben verschickt worden sein könnten.
zeit.de

elendes Gesindel

In der Frage des Antisemitismus habe ich wenig Lust, Erklärungen zu suchen, verspüre eine starke Neigung, mich meinen Affekten zu überlassen, und fühle mich in der ganzen unwissenschaftlichen Einstellung bestärkt, daß die Menschen so durchschnittlich und im großen ganzen doch elendes Gesindel sind.
— Sigmund Freud: Brief an Arnold Zweig 1927, in: Ernst L. Freud (Hg.): Sigmund Freud – Arnold Zweig Briefwechsel, Frankfurt am Main 1969, S. 11
via

Zizek über Occupy Frankfurt

»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.
-zeit.de

»Occupy the Movement!«

In der aktuellen Jungle World vergisst Bernhard Schmid in einem sonst guten Artikel, »dass die SA-Aufmärsche dann doch schneller organisiert waren als die soziale Revolution.« (ebd.)

Kommentare zur Finanzkrise I

Ich habe aber auch keinen Zweifel darüber gelassen, dass, wenn die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden, dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum!
—Adolf Hitler, Politisches Testament

Occupy Production!

Die Occupy-Bewegung ist heute halbwegs überraschend in Deutschland angekommen. Das ist einerseits begrüßenswert, weil Menschen ihren Platz im Politischen tatsächlich beanspruchen, aber andererseits ist Misstrauen durchaus angebracht, spätestens natürlich, wenn sich eintausend plus x Deutsche versammeln und einer Meinung sind.
Fangen wir mit der guten Nachricht an: der Text von Occupy Germany auf Facebook eignet sich definitiv nicht zur Yuppiejagd zurückgebliebener Jungrevolutionär_innen. Dennoch gibt es ein grundsätzliches Problem an diesen Protesten, sie richten sich nämlich nicht gegen den Kapitalismus an sich, also die Märkte, sondern nur »gegen die Banken, gegen die finanziellen Machthaber im System«, und sind damit so antikapitalistisch wie mein Gameboy.
Das hat meiner Meinung nach zweierlei Gründe: einerseits das nicht-vorhandene Verständnis der mehrheitlichen Bevölkerung für volkswirtschaftliche Zusammenhänge, zweitens das dadurch fehlende Verständnis für die Kritik der herrschenden Verhältnisse. Gegen den ersten Punkt hilft, salopp gemacht, massive Propaganda für marxistisch-dialektische Autodidaktik. Das Problem dabei ist aber, das vermutlich grade das Unverständnis der Zusammenhänge der Grund für den Protest selber ist. Die Empörung und Wut richtet sich nämlich ausschließlich gegen das Abstrakte im heutigen Wirtschaften, welches Unverständnis hervorruft und als losgelöst vom erlebbaren Alltag wahrgenommen wird.

Diese Form des ’Antikapitalismus‘ beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte. Abstraktes und Konkretes werden nicht in ihrer Einheit als begründende Teile einer Antinomie verstanden, für die gilt, daß die wirkliche Überwindung des Abstrakten – der Wertseite – die geschichtlich-praktische Aufhebung des Gegensatzes selbst sowie jeder seiner Seiten einschließt. Statt dessen findet sich lediglich der einseitige Angriff gegen die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht und, auf anderer Ebene, gegen das Geld- und Finanzkapital. So gesehen entspricht dieses Denken seiner komplementären liberalen Position in antinomischer Weise: Im Liberalismus bleibt die Herrschaft des Abstrakten unbefragt; eine Unterscheidung zwischen positiver und kritischer Vernunft wird nicht getroffen.
Moishe Postone: Antisemitismus und Nationalsozialismus

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, wie sich die Occupy-Bewegung entwickeln kann.
1. Der Protest ist Ausgangspunkt einer massenhaften Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Erfordert massive Propaganda und wissbegierliche »Empörte«, was beides schwer zu stemmen wäre.
2. Der Protest setzt sich fort und entwickelt sich nicht über die Bankenjagd hinaus. Im besten Falle passiert nichts, auch weil die Sozialdemokratie die Bewegung schluckt. Vor allem aber, weil gar nichts passieren kann, wenn die kapitalistische Produktion nicht über den Haufen geworfen wird. Im schlechtesten Fall werden auf dem Weg noch die Falschen gelyncht, aber eher nicht.
3. Die Proteste ebben ab und ein paar warme Worte reichen wieder aus.

Soll den internationalen Finanzmärkten wirklich der Geldhahn zugedreht werden, hilft nur eins: den Laden selber zu schmeißen. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Denn eine gemeinschaftliche Produktion macht de facto das Geld überflüssig, welches so wehleidig »verzockt« wird. Anstatt auf den Bundestag, die Bankenviertel oder die Kaffeepause zu marschieren, müsste man dann aber die Produktionsstätten besetzen.
Falls also jemand gleich bis hier runtergescrollt hat, alles nochmal in Bold:
Die Krise ist der Arbeitsplatz! Erobert ihn zurück! Occupy Production! Und ab.

Imagine There’s No Deutschland


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Werkzeug

Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiss ein starkes und gewiss nicht das stärkste. […]
Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben. Ich habe mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, dass gerade benachbarte und einander auch sonst nahestehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen »Narzissmus der kleinen Differenzen«, der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider haben alle Judengemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit nicht fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates und und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, dass der Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt es als begreiflich, dass der Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Russland aufzurichten, in der Verfolgung der Bourgeois seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois ausgerottet haben.
—Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930)

Kein Al-Quds-Tag!


Termine, Broschüre und natürlich die Demonstration seien den geneigten Leser_innen an dieser Stelle empfohlen. Der Aufruf im Vollzitat:

Kein Al Quds-Tag!
Gegen Antisemitismus und Islamismus! Solidarität mit Israel!

Aufruf des antifaschistischen Berliner Bündnisses gegen den Al Quds-Tag
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Jungle World 28/11

Ich weiß, es ist ein bisschen her, aber die Ausgabe fand ich echt super. Hier ein paar dazugehörige, dringende Leseempfehlungen:

—Georg Seesslen schreibt anlässlich des zehnten Todestages von Carlo Giuliani über die Polizeigewalt: »Eine Polizei, die nicht auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit agiert, verteidigt keine demokratische Ordnung, sondern ist Partei in einem latenten Bürgerkrieg.«
Olaf Kistenmacher schreibt im Dossier über den altbekannten Antisemitismus in der deutschen Linken. Kennt man teilweise schon aus einem Vortrag, aber besonders interessant ist der heftige Antizionismus, den die Linken schon in den 20ern kultivierten. Vor allem die damalige Rechnung Jude gleich Zionist spricht in dieser Beziehung Bände.
—Am spannendsten finde ich aber Roger Behrens‘ Artikel über die Gewaltfrage: »Damit verlieren aber die Demonstrationen tendenziell ihren eigentlichen und wesentlichen Sinn innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften: Man kann kaum noch etwas demonstrieren.«

Der Verrückte und Israel

Zunächst einmal: der Attentäter von Oslo, Anders Breivik, kann nichts anderes als verrückt genannt werden. In einigen Leitartikeln wird das zurückgewiesen, aber bei jemandem, der sich für einen Tempelritter hält, in selbstgebastelten Uniformen auftritt und selbstgeführte Interviews als groteske Pressemappe online stellt, ist kein anderer Schluss möglich.
Die Verwirrung, die sein zusammengeschustertes Weltbild auslöst, erinnert nicht zuletzt wegen des Templerwahns an ein Buch von Umberto Eco; »Das Foucaultsche Pendel«. Er scheint einfach zeitgenössischen Rechtsradikalismus mit altbekannten Verschwörungen kompiliert zu haben, und deswegen wird man ihn auch keinem Lager zuordnen können — auch wenn Passagen diesem oder jenem entnommen sind.
Dabei fällt auch auf, dass er sich anti-muslimisch, pro-amerikanisch und pro-israelisch gibt, was bei manchen die Assoziation zur neuen Rechten wecken mag. Auf schlamassel wird zutreffend beschrieben, wie weit her es bspw. mit der Israelsolidarität ist. Das »Judenproblem« sieht der Attentäter nämlich damit gelöst, dass »nur eine Million [Juden] in Westeuropa« übrig sind.
Das passt gut zu seinem Hass auf den »Multikulturalismus«. Der klingt auch nach der neuen Rechten, Breivik setzt ihn jedoch mit dem »Kulturmarxismus« gleich. Damit befindet er sich, ganz wie mit der Templerverschwörung, im traditionell antisemitischen Fahrwasser des rechtsradikalen Lagers. Für »Kulturmarxisten« hält er nämlich die Soziologen der Frankfurter Schule. Breivik selbst bemüht die Klarstellung nicht, aber dieser Begriff bedient sich der Idee, die »Kulturmarxisten« seien allesamt jüdisch und marxistisch, und hätten seit 1945 den gesellschaftlichen Mainstream mehr und mehr unterwandert, wobei der (im Tagesgeschäft geläufigere) »Multikulturalismus« herausgekommen sei, den der Verrückte mit seinem Massaker zu bekämpfen gedachte.
In der Debatte um die Bedeutung dieser Wahnsinnstat muss also klar sein, dass Breivik sich nicht eines politischen Prototypen bediente, sondern ihm vielmehr der des Verschwörungsideologen zuzuschreiben ist. Der Unterschied zu den anderen Bekloppten, die solch ein Gewäsch lesen, glauben, verbreiten, ist lediglich die unfassbare Konsequenz, die er so vielen Menschen aufgezwungen hat.

die Weltmacht

Während Souveränität nicht von einem einzigen Staat verkörpet werden kann, sei er selbst hegemonial wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern immer von den Staaten in ihrem Verhältnis zueinander, weil sie nur so die Verwertung des Kapitals zu garantieren imstande ist, beansprucht der Gegensouverän absurderweise genau diese Singularität, in deren Namen er die Einheit einzelner Gewaltmonopole auflöst: im Nahen und Mittleren Osten durch den Glauben an die weltweite umma der Gläubigen, die im jihad den Staaten der Ungläubigen den Garaus macht; in Kerneuropa durch die kaum minder religiöse Vorstellung einer in Völkerrecht und Völkergemeinschaft fußenden Macht, die unmittelbar davor stehe, sich als ewiger Frieden zu installieren. Der eigene Wahn wird eben dadurch kaschiert, dass man den USA und dem Judentum unterschiebt, unrechtmäßig schon zu besitzen, was man selbst rechtmäßig beansprucht: die Weltmacht.
—Gerhard Scheit: Der Wahn vom Weltsouverän, S. 83

Kollektivschuld

Kollektivschuld. Das ist natürlich blanker Unsinn, sofern es impliziert, die Gemeinschaft der Deutschen habe ein gemeinsames Bewusstsein, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Handlungsinitiative besessen und sei darin schuldhaft geworden. Es ist aber eine brauchbare Hypothese, wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher – Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld – die Gesamtschuld eines Volkes. Der Begriff der Kollektivschuld ist vor seiner Anwendung zu entmythisieren und zu entmystifizieren. So verliert er den dunklen, schicksalhaften Klang und wird zu dem, als das er allein nütze ist: zu einer vagen statistischen Aussage.
Jean Améry
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»Quellen waren auch Soldaten auf Urlaub. Einer berichtete am 28. Oktober 1941, er habe in Polen gesehen, wie jüdische Männer und Frauen nackt vor eine Grube getrieben und auf Befehl der SS von hinten erschossen wurden. „Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!“«
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Das Problem heißt: Antisemitismus

Der Ansatz ist auch falsch, weil er vorauseilenden Gehorsam erzwingen will. Man kann eine jüdische Symbolik in der Fankurve nicht einfach nur geißeln, weil man Angst vor den Reaktionen hat. Das wäre ein Einknicken vor dem plumpen Antisemitismus und Rassismus, der da versucht wird. In diesem Sinne spielt auch keine Rolle, ob und wie real die jüdische Identität der Amsterdamer Fans ist. Wer hier Maß anlegt, stellt die absurde Behauptung auf, es dürfe sich nur zu Judentum, Zionismus oder Israel bekennen, wer praktizierender Jude ist. Dem ist aber nicht so. Empathie kann jeder. Deshalb legitimiert Philosemitismus auch keinen Antisemitismus. Der Antisemit bleibt Antisemit, auch wenn er nicht mehr offen mit Jüdischem konfrontiert ist. Es ist deshalb besser, ihn zu provozieren, damit sich seine Haltung offenbart.

Ein lesenswerter Artikel des Fußballmagazins 11 Freunde.

Bin Laden hatte Recht?

Lernen wir grade auf sueddeutsche.de:

Der Al-Qaida-Führer nannte das saudische Königshaus mit seinen Tausenden Ferrari-fahrenden Prinzen „dekadent und korrupt“. Er hatte recht. Er sah im Irak-Krieg nicht die Befreiung von einer Diktatur, sondern den US-Überfall auf einen souveränen Staat. Auch das traf, zumindest in Teilen, die Wirklichkeit. Der Islam-Autodidakt höhnte über die Religionsgelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität, weil sie im Sold des Mubarak-Regimes nach dessen Vorgabe predigten. Vor allem warf er Washington vor, auf Kosten der Palästinenser Nahost-Politik zugunsten Israels zu betreiben. Auch das bleibt richtig, bis heute.

Thomas Avenarius sollte vielleicht einfach sein eigenes El-Kaida-Chapter aufmachen. Dann kann er sich ja Gründe für den Terror Saddam Husseins ausdenken, dessen Souveränität ihm offensichtlich tausendmal wichtiger war als die des jüdischen Staates. Die Fronten hat er ja geklärt.