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»Die Gedanken sind frei«

In einem sehr guten Artikel in der aktuellen Jungle World entlarvt Ferdinand Muggenthaler den Schamanismus derjenigen Hirnforscher_innen, die von sich behaupten, »Gedanken lesen zu können«.

Das Vorgehen ist vergleichbar mit dem eines Soziologen, der aus 100 Metern Entfernung jede Stunde ein Foto eines Hochhauses macht und dann aus dem An- und Ausgehen der Lichter hinter den Fenstern etwas über die Lebensgewohnheiten der Bewohnerinnen und Bewohner herausfinden will.

Die Unverhältnismäßigkeit der Aufregung zeigt vor allem, wie leicht das Feuilleton auf seine eigenen Sci-Fi-Ängste anspringt, und das bloß angesichts einiger großmäuliger Forschergruppen. Gleichzeitig nährt eine realistische Betrachtung der Forschungsergebnisse durchaus die Hoffnung darauf, mit naturwissenschaftlichen Methoden etwas über unser Denken herauszufinden. Es müssten sich schon einige hundert Jahre Philosophie geirrt haben, wenn damit die Freiheit des Denkens widerlegt werden sollte. Bis dahin kann es nur heißen, die Schamanen von den Entdeckern differenzieren zu lernen.

Der Sumpf

Im Blog vom Grossen Thier kann man sich umfassend darüber informieren, wie dummdreist und anti-emanzipatorisch deutsche Zustände noch von den Fürsprechern der Flüchtlinge multipliziert werden.

Die Flüchtlinge, so wollen es ihre wohlmeinenden guten Freunde, sollen sich nur dann zu Wort melden, wenn sie sich qua Flüchtling zu Wort melden, wenn ihr „anliegen“ dem entspricht, was ihre „ehrenamtlichen Betreuer“ für richtig halten, wenn sie untereinander völlig einig sind, das heisst ganz und gar reduziert sind auf ihren Status als Asylbewerber, blosses Objekt der „Betreuung“, untereinander nie uneins, da ohnehin keine Verschiedenheit zwischen ihnen stattfinden soll. Dass so gedacht wird, darf niemanden wundern, es ist die blosse Verlängerung der Logik des deutschen Asylrechts, oder was man wohl Asylrecht nennt. Aber diesmal sind sie hoffentlich einmal an die falschen geraten.

Motivation zum Fortschritt (RSA Animate)

Martin Dornis: Sex ist ein Konstrukt

Ein ganz komischer Naturbegriff — also komisch nicht, sondern wir kennen den aus den Naturwissenschaften, aber selbst dort eigentlich nicht mehr, spätestens seit Heisenberg.

Ein amüsantes Zitat aus einem interessanten Vortrag betreffend Poststrukturalismus und Gender Studies.

Sex ist nur ein Konstrukt. Vortrag mit Martin Dornis by AA:B

Werkzeug

Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiss ein starkes und gewiss nicht das stärkste. […]
Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben. Ich habe mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, dass gerade benachbarte und einander auch sonst nahestehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen »Narzissmus der kleinen Differenzen«, der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider haben alle Judengemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit nicht fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates und und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, dass der Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt es als begreiflich, dass der Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Russland aufzurichten, in der Verfolgung der Bourgeois seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois ausgerottet haben.
—Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930)

Jungle World 28/11

Ich weiß, es ist ein bisschen her, aber die Ausgabe fand ich echt super. Hier ein paar dazugehörige, dringende Leseempfehlungen:

—Georg Seesslen schreibt anlässlich des zehnten Todestages von Carlo Giuliani über die Polizeigewalt: »Eine Polizei, die nicht auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit agiert, verteidigt keine demokratische Ordnung, sondern ist Partei in einem latenten Bürgerkrieg.«
Olaf Kistenmacher schreibt im Dossier über den altbekannten Antisemitismus in der deutschen Linken. Kennt man teilweise schon aus einem Vortrag, aber besonders interessant ist der heftige Antizionismus, den die Linken schon in den 20ern kultivierten. Vor allem die damalige Rechnung Jude gleich Zionist spricht in dieser Beziehung Bände.
—Am spannendsten finde ich aber Roger Behrens‘ Artikel über die Gewaltfrage: »Damit verlieren aber die Demonstrationen tendenziell ihren eigentlichen und wesentlichen Sinn innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften: Man kann kaum noch etwas demonstrieren.«

Der Verrückte und Israel

Zunächst einmal: der Attentäter von Oslo, Anders Breivik, kann nichts anderes als verrückt genannt werden. In einigen Leitartikeln wird das zurückgewiesen, aber bei jemandem, der sich für einen Tempelritter hält, in selbstgebastelten Uniformen auftritt und selbstgeführte Interviews als groteske Pressemappe online stellt, ist kein anderer Schluss möglich.
Die Verwirrung, die sein zusammengeschustertes Weltbild auslöst, erinnert nicht zuletzt wegen des Templerwahns an ein Buch von Umberto Eco; »Das Foucaultsche Pendel«. Er scheint einfach zeitgenössischen Rechtsradikalismus mit altbekannten Verschwörungen kompiliert zu haben, und deswegen wird man ihn auch keinem Lager zuordnen können — auch wenn Passagen diesem oder jenem entnommen sind.
Dabei fällt auch auf, dass er sich anti-muslimisch, pro-amerikanisch und pro-israelisch gibt, was bei manchen die Assoziation zur neuen Rechten wecken mag. Auf schlamassel wird zutreffend beschrieben, wie weit her es bspw. mit der Israelsolidarität ist. Das »Judenproblem« sieht der Attentäter nämlich damit gelöst, dass »nur eine Million [Juden] in Westeuropa« übrig sind.
Das passt gut zu seinem Hass auf den »Multikulturalismus«. Der klingt auch nach der neuen Rechten, Breivik setzt ihn jedoch mit dem »Kulturmarxismus« gleich. Damit befindet er sich, ganz wie mit der Templerverschwörung, im traditionell antisemitischen Fahrwasser des rechtsradikalen Lagers. Für »Kulturmarxisten« hält er nämlich die Soziologen der Frankfurter Schule. Breivik selbst bemüht die Klarstellung nicht, aber dieser Begriff bedient sich der Idee, die »Kulturmarxisten« seien allesamt jüdisch und marxistisch, und hätten seit 1945 den gesellschaftlichen Mainstream mehr und mehr unterwandert, wobei der (im Tagesgeschäft geläufigere) »Multikulturalismus« herausgekommen sei, den der Verrückte mit seinem Massaker zu bekämpfen gedachte.
In der Debatte um die Bedeutung dieser Wahnsinnstat muss also klar sein, dass Breivik sich nicht eines politischen Prototypen bediente, sondern ihm vielmehr der des Verschwörungsideologen zuzuschreiben ist. Der Unterschied zu den anderen Bekloppten, die solch ein Gewäsch lesen, glauben, verbreiten, ist lediglich die unfassbare Konsequenz, die er so vielen Menschen aufgezwungen hat.

Pazifisten

Da Pazifisten mehr Handlungsfreiheit in Ländern haben, in denen Ansätze der Demokratie bestehen, können Pazifisten effektiver gegen die Demokratie wirken als für sie. Objektiv betrachtet ist der Pazifist pro-nazistisch.
—George Orwell
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die Weltmacht

Während Souveränität nicht von einem einzigen Staat verkörpet werden kann, sei er selbst hegemonial wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern immer von den Staaten in ihrem Verhältnis zueinander, weil sie nur so die Verwertung des Kapitals zu garantieren imstande ist, beansprucht der Gegensouverän absurderweise genau diese Singularität, in deren Namen er die Einheit einzelner Gewaltmonopole auflöst: im Nahen und Mittleren Osten durch den Glauben an die weltweite umma der Gläubigen, die im jihad den Staaten der Ungläubigen den Garaus macht; in Kerneuropa durch die kaum minder religiöse Vorstellung einer in Völkerrecht und Völkergemeinschaft fußenden Macht, die unmittelbar davor stehe, sich als ewiger Frieden zu installieren. Der eigene Wahn wird eben dadurch kaschiert, dass man den USA und dem Judentum unterschiebt, unrechtmäßig schon zu besitzen, was man selbst rechtmäßig beansprucht: die Weltmacht.
—Gerhard Scheit: Der Wahn vom Weltsouverän, S. 83

»die Vision der totalen Gemeinschaft«

Die Vision der totalen Gemeinschaft ohne Subjekte, die als solches unrealisierbar bleibt, liefert alle Vorwände, das Subjekt — einerseits bloß formal, andererseits mitsamt dem Leib — schon einmal abzuschaffen.
—Gerhard Scheit: Der Wahn vom Weltsouverän, S. 37

»Die Verbindung ändert die Perspektive«

»Sie hatten ganz recht. Jede Gegebenheit wird bedeutsam, wenn man sie mit einer anderen verbindet. Die Verbindung ändert die Perspektive. Sie bringt einen auf den Gedanken, dass alle Erscheinungen in der Welt, jede Stimme, jedes geschriebene oder gesprochene Wort nicht das bedeuten, was sie zu bedeuten scheinen, sondern von einem Geheimnis sprechen. Das Kriterium ist simpel: Man muss argwöhnen, immer nur argwöhnen. Geheime Botschaften kann man auch aus einem Einbahnstraßenschild herauslesen.«
Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel. S. 442

Die Arbeit

Die Arbeit ist hier wieder die Hauptsache, die Macht über den Individuen, und solange diese existiert, solange muß das Privateigentum existieren.
Marx und Engels, ›Deutsche Ideologie‹, in: MEW Bd. 3, S. 50
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Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!
Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1, S.381.

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(im Sinne Robespierres)

Unter Zionismus versteht die Linke ungefähr das, was man so vor rund 30 Jahren in Deutschland das ‘Weltjudentum’ genannt hat. Gegen diesen Zionismus, den man auch ‘Nationalzionismus’ nennt, um ihn schon phonetisch dem Nationalsozialismus anzunähern, erhebt sich linker Purismus, linker Eifer und linke Tugend (im Sinne Robespierres). […] Und ihre Sympathien wenden sich selbstverständlich den verschiedenen arabischen Freikorps zu, vor allem dem El Fatah, der für sie, die Linke, das zugleich eherne und verklärte Antlitz des Widerstandskämpfers trägt.
Wie, so fragt man sich, konnte es dahin kommen? Was hat geschehen müssen, daß die Linke der Welt […] einstimmt in einen Haßgesang gegen Israel, der, des bin ich gewiß, wenn die Dinge weiter ihren Lauf nehmen, schließlich dem schlechten, unrechten Antisemitismus dienen muß? Wie ist es geschehen, daß marxistisch-dialektisches Denken sich dazu hergibt, den Genozid von morgen vorzubereiten?

— Jean Améry – Die Linke und der “Zionismus” (1969), in ders. Werke Bd. 7: Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte

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»Anders gesagt: produktive Arbeit ist die strukturelle Quelle ihrer eigenen Beherrschung.«

Nachfolgend ein frei verfügbarer Abschnitt aus Moishe Postones »Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft«, den ich für beachtenswert halte.

Das Proletariat

Ich kann nun zu der Frage nach der historischen Rolle der Arbeiterklasse und dem grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus zurückkehren und darlegen, wie sie in der späten Marxschen kritischen Theorie implizit beantwortet wird. Mit meiner Konzentration auf seine Analyse der für den Kapitalismus konstitutiven strukturierenden Formen gesellschaftlicher Vermittlung habe ich zeigen können, daß nicht der Klassenkonflikt an und für sich die historische Dynamik des Kapitalismus erzeugt, und daß er nur deshalb ein treibendes Element dieser Entwicklung ist, weil er durch gesellschaftliche Formen strukturiert ist, die eine Dynamik aus sich heraus besitzen. Wie festgestellt, widerspricht die Marxsche Analyse der Auffassung, der Kampf zwischen der Kapitalistenklasse und dem Proletariat sei einer zwischen der herrschenden Klasse im Kapitalismus und einer, die den Sozialismus verkörpere, und der Sozialismus bedeute deshalb die Selbstverwirklichung des Proletariats. Diese Vorstellung entspringt notwendig dem traditionellen Verständnis des grundlegenden Widerspruchs des Kapitalismus als einem zwischen industrieller Produktion auf der einen, Markt und Privateigentum auf der anderen Seite. Dabei wird jede der beiden großen Klassen des Kapitalismus mit einer Seite dieses angenommenen Widerspruchs identifiziert und der Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten als gesellschaftlicher Ausdruck des strukturellen Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen interpretiert. Diese gesamte Konzeption beharrt auf einem Begriff von ›Arbeit‹ als transhistorischer Quelle gesellschaftlichen Reichtums und als dem konstituierenden Element gesellschaftlichen Lebens.
Ich habe die dieser Vorstellung zugrundeliegenden Annahmen umfassend kritisiert, indem ich die Marxsche Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Arbeit, Wert und stofflichem Reichtum nachzeichnete und als zentral für seine kritische Theorie auswies. Auf der Grundlage dieser Unterscheidungen habe ich die Dialektik von Arbeit und Zeit entwickelt, die den Kern der Marxschen Analyse der für den Kapitalismus charakteristischen Muster von Wachstum und Entwicklungsverlauf der Produktion ausmacht. Weit davon entfernt lediglich die Materialisierung der Produktivkräfte darzustellen, die strukturell im Widerspruch zum Kapital stehen, ist die auf dem Proletariat basierende industrielle Produktion ihrem inneren Wesen nach durch das Kapital geformt. Sie ist die materialisierte Form sowohl der Produktivkräfte als auch der Produktionsverhältnisse. Deshalb kann sie nicht als eine Art und Weise des Produzierens aufgefaßt werden, die unverändert dem Sozialismus als Grundlage dienen könnte. Die historische Negation des Kapitalismus in der späten Marxschen Kritik kann nicht verstanden werden, wenn sie den Bedingungen einer Transformation der Distributionsweise gemäß formuliert sind, die der industriellen, im Kapitalismus entwickelten Produktionsweise entsprechen.
Es ist ebenfalls deutlich geworden, daß das Proletariat in der Marxschen Analyse nicht den gesellschaftlichen Repräsentanten einer möglichen nicht-kapitalistischen Zukunft darstellt. Die logische Stoßrichtung der Marxschen Entfaltung des Kapitalbegriffs, also seiner Analyse der industriellen Produktion, steht im vollkommenen Widerspruch zu den traditionellen Annahmen vom Proletariat als revolutionärem Subjekt. Für Marx ist die kapitalistische Produktion durch eine enorme Ausdehnung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und des gesellschaftlichen Wissens charakterisiert, die sich unter den vom Wert bestimmten Bedingungen konstituiert und deshalb in entfremdeter Form als Kapital existiert. Mit der vollständigen Entwicklung der industriellen Produktion werden diese Produktivkräfte des gesellschaftlichen Ganzen größer als die kombinierten Fähigkeiten, größer als die Arbeit und die Erfahrung des Gesamtarbeiters. Sie sind gesellschaftlich-allgemein und repräsentieren die akkumulierten Erfahrungen und Potenzen der Menschheit, die sich als solche selbst in entfremdeter Form konstituieren. Als die objektivierten Potenzen des Proletariats können sie jedenfalls nicht adäquat verstanden werden. »Tote Arbeit«, um Marxens Begriff zu gebrauchen, ist nicht mehr nur die Vergegenständlichung »lebendiger Arbeit« – sie wurde zur Vergegenständlichung historischer Zeit.
Marx zufolge wird die Erzeugung von stofflichem Reichtum mit der Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion immer weniger von der Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit in der Produktion abhängig. Dennoch spielt solche Arbeit auch weiterhin insofern eine notwendige Rolle, als die Produktion von (Mehr) Wert notwenig von ihr abhängt. Die strukturell begründete Rekonstitution des Werts, die wir oben untersucht haben, ist gleichzeitig die Rekonstitution der Notwendigkeit proletarischer Arbeit. Dies resultiert darin, daß proletarische Arbeit mit der fortdauernden Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion vom Standpunkt der Produktion von stofflichem Reichtum zunehmend überflüssig und deshalb letztlich anachronistisch wird – als Quelle des Werts bleibt sie allerdings notwendig. Je mehr sich das Kapital entwickelt und diese Dualität zum Tragen kommt, desto mehr entleert und fragmentiert es genau die Arbeit, die es für seine Konstitution benötigt.
Die von Marx analysierte ›Ironie‹ dieser Situation besteht darin, daß sie durch proletarische Arbeit selbst konstituiert wird. Es ist in dieser Hinsicht von Bedeutung, daß Marx bei der Erörterung der polit-ökonomischen Kategorie der ›produktiven Arbeit‹ diese nicht als eine gesellschaftliche Tätigkeit behandelt, die Gesellschaft und Reichtum im allgemeinen konstituiert – anders gesagt, er behandelt sie nicht als ›Arbeit‹. Vielmehr definiert er produktive Arbeit im Kapitalismus als Arbeit, die Mehrwert produziert, was gleichbedeutend damit ist, daß sie zur Selbstverwertung des Kapitals beiträgt. (MEW 23, 532) Dadurch verwandelt er eine ehemals transhistorische und affirmative Kategorie der politischen Ökonomie in eine, die historisch spezifisch und kritisch ist, darin erfassend, was für den Kapitalismus zentral ist. Gegen eine Glorifizierung produktiver Arbeit argumentiert Marx:

Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt … ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches … Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein Pech. (MEW 23, 532)11

Anders gesagt: produktive Arbeit ist die strukturelle Quelle ihrer eigenen Beherrschung.
In der Marxschen Analyse kommt dem Proletariat also weiterhin eine strukturell wichtige Funktion für den Kapitalismus zu: Quelle des Werts zu sein, nicht jedoch Quelle des stofflichen Reichtums. Dies ist dem traditionellen Verständnis vom Proletariat diametral entgegengesetzt. Weit davon entfernt, die vergesellschafteten Produktivkräfte darzustellen, die in Widerspruch mit den kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen geraten und dadurch auf die Möglichkeit einer postkapitalistischen Zukunft verweisen, ist die Arbeiterklasse für Marx das wesentliche, konstituierende Element dieser Verhältnisse selbst. Sowohl Arbeiterklasse als auch Kapitalistenklasse bleiben an das Kapital gebunden, die erstere jedoch um einiges mehr: das Kapital könnte ohne Kapitalisten existieren, jedoch nicht ohne wertproduzierende Arbeit. Der Logik der Marxschen Analyse zufolge ist die Arbeiterklasse, statt eine mögliche zukünftige Gesellschaft zu verkörpern, die notwendige Grundlage derjenigen, unter der sie leidet: der gegenwärtigen. Sie ist an die bestehende Ordnung auf eine Art und Weise gebunden, die sie zum Objekt der Geschichte macht.
Kurz gesagt weist die Marxsche Analyse des Entwicklungsverlaufs des Kapitals in keiner Weise auf die mögliche Selbstverwirklichung des Proletariats – als dem wahren Subjekt der Geschichte – im Sozialismus hin.12 Ganz im Gegenteil verweist sie, als Bedingung für Emanzipation, auf die mögliche Abschaffung des Proletariats und der von ihm verrichteten Arbeit. Diese Interpretation reflektiert notwendigerweise das Verhältnis der Kämpfe der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft zur möglichen Aufhebung des Kapitalismus in neuer Weise – ein Thema, das wir in dieser Arbeit nur streifen können. Sie läuft darauf hinaus, daß die durch die Marxsche Kritik implizierte mögliche historische Negation des Kapitalismus nicht so verstanden werden kann, als würde sich das Proletariat das, was es konstituiert hat, wieder aneignen, also bloß in der Abschaffung des Privateigentums bestünde. Vielmehr impliziert die logische Stoßrichtung der Marxschen Darstellung eindeutig, daß man sich diese historische Negation als Wiederaneignung der gesellschaftlich-allgemeinen Fähigkeiten, die letztlich nicht in der Arbeiterklasse ihren Ursprung haben und historisch in entfremdeter Form als Kapital konstituiert wurden, durch alle Menschen vorstellen sollte.13 Eine solche Wiederaneignung setzt die Abschaffung der strukturellen Grundlage dieses Entfremdungsprozesses – Wert, und somit proletarische Arbeit – voraus. Das historische Auftreten dieser Möglichkeit hängt wiederum von dem Widerspruch ab, der der kapitalistischen Gesellschaft zugrundeliegt.

Quelle und pdf