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Der ehrbare Antisemitismus

Der vorliegende Text von Jean Améry wurde am 25.7. 1969 in der Zeit veröffentlicht und wird hier nach nach dem Conne Island Newsflyer zitiert.

De Gaulle fiel. Manch einem war trüb zumut wie einem Heineschen Grenadier; mir auch, mir auch. Nur leider, dass in New York dem französischen UNO- Delegierten Armand Bérard nichts besseres einfiel, als verzweifelt auszurufen (laut „Nouvel Observateur“ vom 5.Mai): „C’est l’or juif!“ Und kein Dementi. Rechter Hand, linker Hand alles vertauscht. Der Antisemitismus schafft’s und, wie es einst bei Stefan George hiess: „… er reisst in den Ring.“
Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Der alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz. Was war, das blieb und wird bleiben: der krummnasige, krummbeinige Jude, der vor irgendwas – was sag ich? – der vor allem davonläuft. So ist er auch zu sehen auf den Affichen und in den Pamphleten der arabischen Propaganda, an der angeblich braune Herren deutscher Muttersprache von einst, wohlkaschiert hinter arabischen Namen, mitkassieren sollen. Die neuen Vorstellungen aber traten auf die Szene gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg und setzen langsamerhand sich durch: der israelische Unterdrücker, die mit dem ehernen Tritt römischer Legionen friedliches palästinensisches Land zerstampft. Anti-Israelismus, Anti-Zionismus in reinstem Vernehmen mit dem Antisemitismus von dazumal. Der ehern tretende Unterdrücker-Legionär und der krummbeinige Davonläufer stören einander nicht. Wie sich endlich die Bilder gleichen!
Doch neu ist in der Tat die Ansiedlung des als Anti-Israelismus sich gerierenden Antisemitismus auf der Linken. Einst war das der Sozialismus der dummen Kerle. Heute steht er im Begriff, ein integrierender Bestandteil des Sozialismus schlechthin zu werden, und so macht jeder Sozialist sich selber freien Willens zum dummen Kerl.
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»Die Individuen sollen nie und nimmer für Staat, Gemeinschaft, Kollektiv, Kultur oder Tradition da sein.«

Die Redaktion meldet sich wieder aus dem Sumpf der Audioarchive, diesmal mit einem Referat von Martin Dornis aus dem Jahr 2009. Unter dem Thema »Im Zeichen der Krise. Massenwahn und gewaltförmige Vergleichung in der Warengesellschaft« unterzieht er die Zustände einer materialistischen Kritik mit Hilfe des Marxismus. Hierbei wird aufgezeigt, dass jegliche Krise bereits im kapitalistischen Produktionsprozess angelegt ist, und eine Kritik, die eine gesunde Marktwirtschaft vorstellt, auf antisemitische Feindbilder zurückgreifen muss.

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»Hängt ihr die Juden auf, wir hängen die anderen Kapitalisten auf!«

Ein hörenswerter Beitrag, den ich beim Audioarchiv gefunden habe, beschäftigt sich mit dem Antisemitismus in der KPD vor dem Machtantritt der Nazis. Es wird deutlich, dass die KPD den Antisemitismus als willkommenen Impuls zur Kapitalismuskritik begrüßte, wie es schon die SPD Ende des 19. Jahrhunderts proklamierte. Hierbei scheute man auch keineswegs vor der Zusammenarbeit mit nationalistischen Gruppen zurück, und genierte sich nicht einmal dafür.

Guttis Shoah oder Die Stunde des Bauernpöbels

Nachdem Karl Theodor zu Guttenberg, dessen Familie nach dem Dorf benannt ist, in dem sie seit Jahrhunderten haust, mit der Lachnummer, einen Doktorgrad durch Copy & Paste erlangt zu haben, das nicht zuzugeben und der Verteidigungsminister eines sich selbst als hochkultiviert behauptenden Staates bleiben zu wollen, nicht durchkam, ist nicht nur sein eigenes Geheule groß. Seine Anhänger_innen veranstalten allerlei Unverwertbares in Erinnerung an ihren gescheiterten Star. Damit dieses Spektakel des deutschnationalen Bürgertums vollends in die Groteske entfleucht, tun sie das auch in: Guttenberg.
Was sich liest wie der Plot einer Erzählung aus vorindustrialisierten Zeiten, ist tatsächlich aber das um-sich-schlagen der verbitterten Deutschen, denen man eine Realität gar nicht erst aufzuschreiben braucht, die sie als Hetzjagd auf ihr geliebtes Idol zurückweisen, das die Verlogenheit und den Narzissmus in ihren eroberten und gebrochen Herzen wie kein_e andere_r verkörpert.
Sind diese deutschen Herzen erst von der Realität abgeschnitten, lebt es sich sehr leicht in ihnen. Dumm nur, dass die Medienhetze nicht verhallt, sondern fortdauernd tönt und auch noch von »Spaßvögeln«, die Guttenberg nun mal gar nicht sympathisch fanden, untermalt wird. Das gefällt dem Deutschen Herzen gar nicht, und während es sich wie ein mittelalterlicher Bauernpöbel flennend beim »Baron« einfindet, fühlt der sich von der Gunst der Stunde so mitgerissen, dass er den Führer dieser gebrochenen Herzen zu geben versucht. Da er Dirigent ist, und damit irgendwie auch ein Star, ganz wie sein kleiner Sohn, fällt ihm das gar nicht so schwer, wie man es sich wünschen würde.
Notizen hat er sich gemacht, bevor er zum Pöbel vor das Schloss tritt. Und dann zieht er so richtig vom Leder, der er die Ehre seiner Familie bedroht sieht. Ganz und gar ungerecht sei das, spricht er in seinem Dorf, vor seinem Schloss, zu seiner Bauernmeute. Die Kritik am unwiderlegbaren Betrug seines Sohnes, hält der »Baron« für ein »Schlachtfest«.
Auch mit den letzten Geschützen der deutschkonservativen Realitätsverweigerung verschont er die Welt nicht. Denn dieses »Schlachtfest«, das bekanntlich hauptsächlich journalistisch, mit teilweiser Untermalung auf humorvollen Kundgebungen, ausgetragen wurde, hält Enoch zu Guttenberg für eine »Menschenjagd«, die er als Wiederholung der Ereignisse in Deutschland vor 1945 einstuft.
Die vernünftigen Köpfe der Konservativen mutieren in einer Schnelle zu beleidigten, dummen Herzen, dass es einer_einem den Atem raubt. All die unbeschreiblichen Taten der Deutschen werden aufgewogen mit der intellektuellen Auseinandersetzung um die Betrügereien eines gefallenen, adligen, deutschen Verteidigungsministers.
Es wäre die Groteske, der sich die Deutschen hier hingeben, damit auf die Spitze getrieben, wären es nicht zweitausend von ihnen gewesen, die in Guttenberg dem Baron zu Guttenberg ihre unerschütterlichen, jede Aufklärung verweigernden dummdeutschen Herzen zu Füßen gelegt haben.

Deutschlands Helden

Diese neue Lockerheit im Umgang mit der deutschen Identität, die man der hiesigen Nation seit ein paar Jahren einredet, scheint nicht auf liebgewonnene Kontinuitäten verzichten zu können. Das Schema ist ziemlich einfach: überlegen, wer irgendwie allgemein als böse gilt, aber trotzdem in riesigen Zahlen frequentiert wird, dieses Spannungsfeld dann mit einem Tusch auflösen und behaupten, die wären schuld und würden uns vergiften — mit ihrer Art, mit ihrer »Agenda«, mit ihrer bloßen Existenz. Das Prinzip ist altbekannt in Deutschland, wird beim Spiegel gerne ausprobiert, und wenn sich da noch einer dran stört, dann haben wir auch Kreuzberger Mütter mit sympathischen Popstarstatus zu bieten, die auch nicht groß was anderes sagen. Der Feind sitzt im Inneren, mit seiner Agenda kreiert er unsere Realität und wir sollten ihn zwecks Reinheit schnellstmöglich entfernen.

Die Bildzeitung ist […] ein bösarti­ges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

Das Weltbild dieser dem Dalai Lama treu ergebenen Buddhistin passt wie die Faust aufs Auge zum »neuen«, »ungefährlichen« Partynationalismus, den die Deutschen für sich entdeckt haben, genauso wie er zur Bildzeitung selber passt. Es attackieren sich dort Deutschlands zeitgenössische Helden, in einem Spiel »Not gegen Elend«.

»und bei jeder Bombardierung Flugblätter abwerfen«

Er war eine der führenden Figuren im polnischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der erste, der die Alliierten über den Holocaust unterrichtete: Jan Karski. Die Memoiren dieses Mannes, der »den Großen dieser Welt enthüllt hat, was die Welt nicht wissen wollte« (Jorge Semprún), liegen nun, 66 Jahre nach Erscheinen der englischen Erstausgabe, erstmals auf Deutsch vor. Hier erzählt Jan Karski von einer Unterredung, die er im Herbst 1942 mit zwei Männern hatte, die die Arbeit des jüdischen Untergrunds in Polen leiteten, und von einem kurzen Aufenthalt im Warschauer Getto, in das er sich heimlich schleusen ließ.

Der Zionistenführer sprach als Erster:
»Die Deutschen lassen sich nur von Macht und Gewalt beeindrucken. Man sollte die deutschen Städte gnadenlos bombardieren und bei jeder Bombardierung Flugblätter abwerfen, die die Deutschen über das Schicksal der polnischen Juden informieren und der gesamten deutschen Nation ein ähnliches Schicksal während des Krieges und danach androhen. Die deutsche Bevölkerung niederzumetzeln, halten wir nicht für sinnvoll und streben es auch nicht an, doch eine solche Drohung ist die einzige Möglichkeit, den Gräueltaten der Deutschen Einhalt zu gebieten. Eine solche von Gewalt begleitete Warnung könnte die deutsche Bevölkerung so erschrecken, dass sie genügend Druck auf ihre politische Führung ausübt, damit diese ihr Vorgehen ändert. Anders lässt sich nichts erreichen.«

Was SZ online schreibt und meint

In der Euphorie wird leicht vergessen, dass der siegreichen Menge die Führer und die gemeinsamen Ideen fehlten, die ab morgen zu einem konstruktiven Neubeginn gebraucht werden.

Ideen hört sich so nach Freiheit an, da schreiben wir mal noch was vom Führer davor.

Auf dem Tahrir-Platz wurde freilich auch gebetet. Denn der politische Islam ist die einzige strukturierte Kraft der bisherigen Opposition.

Alle Ägypter_innen sind gläubige Muslime, vermutlich aufgrund ihres Phänotyps.

Dass die Hamas die freiesten Wahlen der arabischen Welt unter dem Blick ausländischer Kontrolleure gewann, ersparte ihr nicht den Boykott.

Die deutsche Geschichte lehrt uns, dass gewonnene freie Wahlen eine Vollmacht zur sanktionsfreien Durchführung von Verbrechen sein sollten.

Nicht durch Schleierzwang für Frauen, nicht durch die Strafen der Scharia machte sich ein Regime zum Pariah, sondern durch sein Bestehen auf nationale Unabhängigkeit.

Die Wahl besteht nicht zwischen emanzipatorischer Politik und regressiven Ideologien, sondern zwischen Nationalismus und Besatzung.

Unter dem Schah war Iran ein Pfeiler des amerikanischen Bündnissystems im Nahen Osten, so wie es bis heute Ägypten ist.

Ägypten wird ein zweiter Iran, inklusive brutalster Repression, unvorstellbarer Folter und lustigen alten Männern mit Bart, die den Menschen den Koran erklären.

Alle sachlichen Probleme bis hin zum Atomstreit hätten sich lösen lassen.

Die Amis sind schuld.

Die Amerikaner haben den irakischen Diktator Saddam Hussein geschlagen. Das von ihnen sicher nicht gewünschte Resultat dieses Krieges ist, dass ein mit Iran befreundetes Regime schiitischer Islamisten den Irak beherrscht.

Was die Amerikaner_innen sich wünschen, bestimmen wir. Demokratie finden wir nur gut, wenn Menschen an die Macht kommen, die sie wieder abschaffen werden.

Was am Nil geschieht, wirkt beispielgebend.

Zum Beispiel für die Menschen in Tunesien, die innerhalb der Zeitbrezel vorausschauend der ägyptischen Revolution nacheiferten und den Diktator Ben Ali zu Fall brachten.

Quelle

Schönes Leben, schicke Läden

Gestern wurde die Liebigstraße 14 geräumt, und trotz großer Demo und viel dezentralem Sachschaden, bleibt die große Aufregung aus. Viele kleinere spontane Solidemos fanden gestern Abend statt, aber heute sieht die Welt trotzdem nicht besser aus. Die Routine und Vorhersagbarkeit des Schauspiels wird zur Zielscheibe des Spottes bürgerlicher Kommentator_innen, der aber das Problem der Proteste im Mark trifft: so richtig geht es um nichts mehr. Die Bullen haben keinen Bock, und der Menge fehlt der Hass, um an die alten Bilder von den großen Straßenschlachten anknüpfen zu können. Das öffentliche Leben geht weiter seinen kapitalistischen Gang, aber das kommt auch nicht wirklich auf die Tagesordnung.
Die »politische Antwort auf die realen Probleme« liefert dieses Scharmützel nicht, und auch mich erinnert das alles mehr und mehr an »die allsamstägliche Hatz zwischen Polizei und Hooligans«. Da wundert es auch nicht, dass das Interesse der deutschen Linken weniger den emanzipatorischen, ja sogar erfolgreich scheinenden Protesten in Tunesien gilt, als vielmehr den Ausschreitungen dort und in der Region, die damit in Verbindung stehen. Es offenbart sich das degenerative Moment des Riots.
Der öffentliche Raum bleibt dabei ein Markt, nur dass jetzt auch Aufmerksamkeit gehandelt wird. Dem linken Spektrum fällt etwas Beachtung seitens der Bürger_innen und deren Medien zu, doch selbst die angekündigten Räumungskosten von einer Million Euro sind volkswirtschaftlich gesehen »Peanuts«. Es steht also nicht wirklich etwas auf dem Spiel für die Gesellschaft, die sich solche Ausbrüche offenbar leisten kann, ohne groß ins Schwanken zu geraten. Lediglich das Selbstbewusstsein der Handelnden wird durch ihre erfolgreichen Aktionen befördert — mehr nicht. Und mehr als Aufmerksamkeit für den Riot scheint man den Menschen in der Mittelmeerregion auch nicht zugestehen zu wollen, obwohl dort handfeste emanzipatorische Politik gemacht wird. Jedenfalls hört man wenig.
In dieses Grübeln hinein platzt dann die Pressemitteilung der Liebig 14, die sicherlich wichtig und ernstgemeint ist, aber inzwischen auch nur noch reflexartig erscheint. Da steht dann auch, was der Protest noch zum Inhalt haben soll: »Gezielt wurden schicke Ladengeschäfte […] angegriffen.« Und hier fängt der Riot dann wirklich an, sein emanzipatorisches Moment zu verlieren und in die Rückschrittlichkeit zu verfallen, die der oben verlinkte Kommentar den Protesten leider zurecht vorwirft. Denn eigentlich will man doch »laut sein und weiter für eine bunte und vielfältige Stadt kämpfen«. Warum dann aber grade »Designershops« und »schicke Ladengeschäfte« das Ziel der Wut sind, das kann keiner erklären. Diese sind zwar in den kapitalistischen Produktionsprozess eingebunden, aber das sind auch die Aktivist_innen selber, sofern sie sich nicht autark versorgen. Noch dazu stehen diese Aktionen im krassen Gegensatz zur Stellungnahme, denn ein »Designershop« ist doch grade dadurch markiert, dass er bunt und vielfältig ist; wie die Stadt, für die gekämpft wird.
Hierzu Friedrich Engels:

Ebenso scharf wie Marx die schlimmen Seiten der kapitalistischen Produktion hervorhebt, ebenso klar weist er nach, dass diese gesellschaftliche Form notwendig war, um die Produktivkräfte der Gesellschaft auf einen Höhegrad zu entwickeln, der eine gleiche menschenwürdige Entwicklung für alle Glieder der Gesellschaft möglich machen wird. Dazu waren alle früheren Gesellschaftsformen zu arm. Erst die kapitalistische Produktion schafft die Reichtümer und die Produktionskräfte, welche dazu nötig sind, aber sie schafft auch gleichzeitig in den massenhaften und unterdrückten Arbeitern die Gesellschaftsklasse, die mehr und mehr gezwungen wird, die Benutzung dieser Reichtümer und Produktivkräfte für die ganze Gesellschaft – statt wie heute für eine monopolistische Klasse – in Anspruch zu nehmen.

Es ist also zutiefst reaktionär und rückschrittlich, die kapitalistische Produktion — wenn auch nur symbolisch — zu zerstören, da sie doch die Voraussetzung dafür ist, dass eine Gesellschaft entstehen kann, in der die Menschen Strukturen geschaffen haben, die es ihnen ermöglichen, in Freiheit und ohne materielle Sorge zu leben.

Der »LINKEN« auf die Fresse hauen!

Heute beim Stadtrundgang über neue alte NPD-Aufkleber mit DIE LINKE.-Schriftzug gewundert.

Das Bild ist zwar nicht mal die siebenundzwanzig Kilobyte wert, die es auf dem Server einnimmt, sei aber dennoch hier dokumentiert.

Der Einfluss des guten Willens

Dass nicht die Gier der Spekulant_innen der Grund ist für ihren Profit, sondern die Lohnarbeit, der auch noch der_die letzte von uns nachgeht, das sollten sich Linke aller Couleur mal wieder bewusst machen:

Der Kapitalist hat seine Wochenarbeit gekauft, und der Arbeiter muß die drei letzten Wochentage auch noch arbeiten. Diese Mehrarbeit des Arbeiters, über die zur Ersetzung seines Lohnes nötige Zeit hinaus, ist die Quelle des Mehrwerts, des Profits, der stets wachsenden Anschwellung des Kapitals.
Friedrich Engels

Und auch zur Moral in der Martkwirtschaft schrieb Engels erhellendes:

Beiläufig bemerkt, hängt es gar nicht vom guten Willen der einzelnen Kapitalisten ab, ob sie sich in diesen Kampf einlassen wollen oder nicht, da die Konkurrenz selbst den philanthropischsten unter ihnen zwingt, sich seinen Kollegen anzuschließen und so lange Arbeitszeit zur Regel zu machen wie diese.

Ali Schirasi über die Grüne Bewegung im Iran und den Westen

Wie können internationale Akteure und Regierungen die Grüne Bewegung unterstützen?

Internationale Akteure in dem Sinn gibt es wenig. Die UNO ist ohne die Veto-Mächte handlungsunfähig, und die Europäer schielen nur auf iranisches Erdöl, Erdgas und den Absatzmarkt. Insofern sind Boykotte nicht sehr wirksam, zumal das US-Embargo schon Jahrzehnte existiert. Die Regierung ist trotzdem nicht gestürzt. Viel wichtiger aber ist die Forderung an die Regierungen im Westen, das Regime nicht zu unterstützen, mit sogenannten Dialogen, mit Waffenlieferungen, mit der Lieferung von Zensurtechnik (Siemens, Nokia), mit Besuchen und Kontakten zu Schwerverbrechern wie Ahmadineschad, Chamenei und anderen. Die westliche Politik redet gern von Menschenrechten, aber nur hier zu Hause, wenn die Aufträge und Bestellungen für ihre Industrie wittern, halten sie den Mund. Das ist der Punkt. Wir müssen mehr Ehrlichkeit und Transparenz in den Beziehungen zum Iran fordern, und wir müssen schauen, dass wir uns nicht nur aus staatlich gesteuerten Medien informieren, die im Iran nach jedem Regierungswechsel einen neuen „Reformer“ oder „Pragmatiker“ entdeckt.

Das komplette Interview.

»Unsereiner Kriegsundführerkinder« — Audiofeature

Bei ärgernis habe ich grade ein hörenswertes Audiofeature zu Heike Schmitz‘ Roman Unsereiner Führerkinder entdeckt:

»Der heutige Jude steht mitten im Krieg.« — Sartre: Überlegungen zur Judenfrage.


Wir sahen, dass … der Antisemit den Juden schafft.

Bereits wenige Wochen nach der Befreiung von Paris im Oktober 1944 schrieb Jean-Paul Sartre, bedeutendster Vertreter des Existentialismus und bereits damals ein geachteter Intellektueller, den Essay Überlegungen zur Judenfrage. Entgegen den meisten seiner Mitmenschen beschäftigte er sich hier offensiv mit der Struktur des Antisemitismus, unter dem Wissen von Massenmord, aber nicht von dessen Ausmaßen, Formen, Schlagwörtern.
So erklärt sich der ungeschickt anmutende Titel, der von einer Judenfrage spricht, die die Nazis bekanntlich endgültig zu lösen angetreten waren. Auf französisch gibt es allerdings nur die jüdische Frage (»question juive«), welche einen anderen Anspruch nahelegt als den Massenmord. Diesen Wissensstand Sartres gilt es zu berücksichtigen.
Ein weiteres Problem beim Lesen scheint darin zu liegen, dass Sartre fortlaufend schrieb, sich also gedankliche Entwicklungen im Text niederschlagen. So gleitet er anfangs noch in eine teils antisemitisch und rassistisch gefärbte Tonlage ab, die sich glücklicherweise aber im Laufe des Textes zurückbildet, was offensichtlich dem inhaltlichen Anspruch einer befreiten Gesellschaft geschuldet ist.

existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.

Der Essay beginnt mit einem scharf und ergarmungslos gezeichneten Bild vom Antisemiten*. Dessen Beweggründe, Ängste und Verhaltensweisen zeichnet Sartre mit dem Werkzeug seiner Philosophie, die er einige Jahre zuvor in Das Sein und das Nichts beschrieben hat. So kommt er zu dem Schluss, dass der Antisemitismus nicht eine bloße und daher harmlose oder kurzlebige Anschauung ist, sondern einen essentiellen Charakterzug des Antisemiten* darstellt: Er mythologisiert die Welt und kittet seine Ideologie mit einer Karikatur vom Juden* zusammen, den er für sein Scheitern verantwortlich macht. Im Grunde genommen fußt dieses Weltbild, wie Sartre zeigt, auf etwas, was ähnlich der Blut und Boden-Ideologie funktioniert, nämlich über biologische Abstammung und Grundbesitz.

auch für die Juden werden wir die Revolution machen

Er analysiert, dass die Jüdinnen und Juden nur zwei Optionen haben: Authenzität oder Unauthenzität, was nicht anderes heißt, als dass sie die ihnen vom Antisemiten auferlegte Rolle als Gemeinschaft annehmen oder verweigern können. Über diese Flucht vor der Rolle erklärt Sartre einige Verhaltensweisen, die der Antisemit als »typisch jüdisch« ausmacht, die aber nur den Getriebenen charakterisieren. So z.B. die Rationalität und den Humanismus, welche mitunter jüdisch geprägt sind.

Aber der Mensch existiert nicht.

Im Angesicht dieser Verhältnisse zwischen Antisemit* und Jude* kritisiert Sartre vor allem den Demokraten*, da dieser den Antisemitismus schlicht verbieten wolle, was den Antisemiten* aber nicht tangiert, da dieser eh im Dienste einer »wahren Nation« unterwegs ist, die nicht durch die tatsächliche vertreten wird. Die Tendenz der Demokrat_innen sei es, »schlicht und einfach den Juden zugunsten des Menschen* zu beseitigen. Aber das läuft dem Mensch-sein zuwider, da dieses auch das jüdisch/katholisch/wasauchimmer-sein beinhaltet. Insofern ist die demokratische Positionierung zum Antisemitismus erstens Schall und Rauch und zweites unangemessen.

Das jüdische Problem ist durch den Antisemitismus entstanden; also muss man den Antisemitismus abschaffen, um es zu lösen.

Daher plädiert Sartre für einen mehr oder weniger direkten Zwang den Antisemit_innen gegenüber. Da sie sich weder um Gesetze noch um Rationalität scheren, »muss man seine* Situation von Grund auf verändern«. Diese Veränderung bedeutet allerdings vielmehr eine sozialistische Revolution, die dem Antisemitismus seine Grundlage, nämlich die Klassenunterschiede entziehen würde. An dieser Stelle geht Sartre glücklicherweise auf die Gefahr reaktionärer Arbeiterbewegungen ein, nachdem er diesen zu Beginn mehr oder weniger einen Gutschein zur Antisemitismuslosigkeit ausgestellt hat. »Das bedeutet, Antisemitismus ist eine mythische und bürgerliche Vorstellung vom Klassenkampf, die in einer klassenlosen Gesellschaft nicht existieren könnte.« Dass auch Arbeiter_innen diesem falschen Klassenkampf anheim fallen können, zeigt ein Zitat im Anhang der deutschen Ausgabe, das sich in der Kommentarspalte findet.

Es ist nicht zuerst Sache der Juden, eine militante Liga gegen Antisemitismus zu gründen, es ist unsere Sache.

Wie sehr dieser Essay auf dem philosophischen Werk Sartres beruht, erschließt sich an den Worten, mit denen er ihn beendet. Denn dass der Jude sich als Jude* fühlt, das ist nicht seine Schuld. »Es sind unsere Worte und unsere Gesten — alle unsere Worte und alle unsere Gesten, unser Antisemitismus, aber auch unser herablassender Liberalismus —, die ihn bis ins Mark vergiftet haben.« Und da ich nicht meine Freiheit wollen kann, ohne die Freiheit des Anderen zu wollen, schließt Sartre konsequent:

Wenn wir uns dieser Gefahren bewusst sind, wenn wir voller Scham unsere unfreiwillige Komplizenschaft mit den Antisemiten erlebt haben, die uns zu Henkern gemacht hat, dann werden wir vielleicht anfangen zu begreifen, dass wir für den Juden* kämpfen müssen, nicht mehr und nicht weniger als für uns selber.

*Sartre benutzt zur Zeichnung der Strukturen versinnbildlichte Einzelmenschen. Es ist zu bemängeln, dass diese ausschließlich männlich sind.

»die metaphysische Sorge ist ein Luxus«

Ich sage ohne Zögern, die metaphysische Sorge ist ein Luxus, den sich der Jude heute sowenig wie der Arbeiter leisten kann. Man muss seiner Rechte sicher und tief in der Welt verwurzelt sein, man muss frei sein von den Ängsten, die täglich die unterdrückten Klassen oder Minderheiten umhertreiben, um es sich zu erlauben, nach dem Platz des Menschen in der Welt und nach seiner Bestimmung zu fragen.
Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage. S. 80

Google und die Privatsphäre

Auf sueddeutsche.de zeigt Gustav Seibt einen Punkt auf, der in der Datenschutz-Debatte um Google viel zu unbeachtet ist:

Der Privatstraßeneinspruch gegen Googles Streetview ist halb unbegründet, halb hilflos. Das Google-Problem besteht nicht in der Verletzung der Privatsphäre, sondern in der Monopolisierung des öffentlichen Raums. Die bloße Adresse wird zum Sesam-öffne-dich für eine Unmasse an Informationen.

Was mich bei Spiegel Online ankotzt

formuliert der_die gesommerlochte Bonde bei Verbrochenes.

Auf welchem Niveau sich das meistbesuchte deutsche Nachrichtenportal bewegt, kann man ganz gut nachvollziehen, wenn man Niggemeiers Headline-Sammlung liest. Wäre alles doppelt so lustig, wenn wir es hier nicht mit einem deutschen Leitmedium zu tun hätten, das sich auch als solches versteht. Spiegel-Autoren geben sich stets allwissend, sie belehren die Leserinnen über den Gegenstand ihres Artikels. Dabei halten sie gekonnt die Distanz zum Gegenstand und heben sich und damit auch ihre Leserinnen über denselben hinaus. Es ist dieser Stil, der die Millionen von Nahost-Experten hervorbringt, die vor Deutschlands DSL-Anschlüssen herumwuseln.