vorgestellst

Nazis from Outer Space

Wenn ein NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag Israel als Schurkenstaat und Gefahr für den Weltfrieden darstellt und behauptet, Israel führe die USA am Nasenring durch die weltpolitische Arena, rümpfen die Abgeordneten der demokratischen Parteien pikiert die Nase, wenn Günter Grass, Peter Sloterdijk, Jakob Augstein oder andere Multiplikatoren ähnliches äußern, applaudieren viele begeistert. Wenn in einem Polizeikalender Migranten als kriminelle Affen dargestellt werden, ist zu lesen, das sei nicht rassistisch, weil es nicht rassistisch gemeint sei. Wenn die NPD Wahlplakate veröffentlicht, auf denen Migranten als rassistische Karikaturen dargestellt werden, ist die Öffentlichkeit empört.
publikative.org

M31

M31 Movie – european day of action against capitalism from M31 Moviecrew on Vimeo.

Der Sumpf

Im Blog vom Grossen Thier kann man sich umfassend darüber informieren, wie dummdreist und anti-emanzipatorisch deutsche Zustände noch von den Fürsprechern der Flüchtlinge multipliziert werden.

Die Flüchtlinge, so wollen es ihre wohlmeinenden guten Freunde, sollen sich nur dann zu Wort melden, wenn sie sich qua Flüchtling zu Wort melden, wenn ihr „anliegen“ dem entspricht, was ihre „ehrenamtlichen Betreuer“ für richtig halten, wenn sie untereinander völlig einig sind, das heisst ganz und gar reduziert sind auf ihren Status als Asylbewerber, blosses Objekt der „Betreuung“, untereinander nie uneins, da ohnehin keine Verschiedenheit zwischen ihnen stattfinden soll. Dass so gedacht wird, darf niemanden wundern, es ist die blosse Verlängerung der Logik des deutschen Asylrechts, oder was man wohl Asylrecht nennt. Aber diesmal sind sie hoffentlich einmal an die falschen geraten.

«In the very midst of Revolution»

Die HBO-Miniserien sind ja bekanntlich immer ein paar Abende wert. Das war bei Band of Brothers und The Pacific so, und auch John Adams kann ruhig in diese Reihe eingeordnet werden.
In der Serie wird das Leben eines der Mitbegründer der USA, John Adams, vom «Boston Massacre» 1770 bis zu dessen Tod am 4. Juli 1826 abgedeckt und damit die Gründungsphase der Vereinigten Staaten. Man sieht also einen Menschen, der einerseits britische Offiziere gegen den Lynchmob vor Gericht verteidigt, andererseits auf dem Zweiten Kontinentalkongress vehement für die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien von der britischen Krone streitet. Damit ist er ein gewisser Gegenpart zum strahlenden Thomas Jefferson, der sich an ebenso prominenter Stelle für die Freiheit in den amerikanischen Kolonien engagierte, darüber hinaus auch für die Französische Revolution.
Die Beziehung der beiden schreit natürlich gradezu danach, dramaturgisch ausgeschlachtet zu werden. Denn ihre vielen Kämpfe miteinander spiegeln letztlich auch nur den Willen wider, die Menschen in eine freiere Welt zu entlassen. Als beide am 50. Unabhängigkeitstag hochbetagt starben, konnte man ihnen sicherlich kein Scheitern vorwerfen.
Wenn man sich also die historischen Ungenauigkeiten klarmacht, ist diese Miniserie genau das Richtige, um sich mindestens die Vorweihnachtszeit gebührend und menschenfrei um die Ohren zu schlagen.

Halle? Irgendwer?

Birte Hewera (Berlin):
Engagement und Desengagement.
Jean-Paul Sartre – Michel Foucault – Jean Améry

Di, 13.12.11, 18.30 Uhr, Melanchthonianum, Uniplatz

Jean Améry wurde im April 1945 von den Engländern aus Bergen-Belsen befreit. Nach zwei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz, stieß der Anhänger des Wiener Neopositivismus nun auf die Philosophie Jean-Paul Sartres.
In Auschwitz hatte Amérys Bezug zum Neopositivismus einen Bruch erfahren, da sich in diesem Denken die erlittene Wirklichkeit von Folter und KZ nicht wiederfinden ließ. Erst der Sartre’sche Existentialismus gab Améry die Möglichkeit, dieses Erlittene zu artikulieren, sein eigenes Handeln als moralisch zu bekräftigen, die Täter zu verurteilen und für sich selbst eine Zukunft jenseits des von den Nazis über ihn verhängten Urteils überhaupt zu denken.
Die „Tendenzwende“ – das Aufkommen des französischen Strukturalismus – stellte diese Errungenschaft jedoch wieder in Frage. Améry kritisierte den Strukturalismus, dem er Michel Foucault entgegen dessen Selbstbeschreibung ausdrücklich zuordnete, bereits sehr früh, lange schon, bevor dieser in Deutschland populär wurde. Er bezeichnete den Strukturalismus als „Philosophie jenseits des Menschen“, da der leibliche und leidende Mensch hier keinen Platz hatte, das Handeln als Akt freier Wahl negiert, sowie überhaupt von jeglicher Erfahrung abstrahiert wurde.
Schließlich ist es konstitutiv für das Denken Amérys, dass die gelebte Erfahrung – das „vécu“, den unhintergehbaren Referenzpunkt jeglicher Reflexion bildet. So polemisierte Améry auch gegen alle diejenigen, die die existenzielle Bedeutung des Staates Israels nicht sehen wollten. Denn das Bestehen dieses Staates, so Améry, sei nur vor dem Hintergrund der Katastrophe Auschwitz und der darin enthaltenen Möglichkeit eines zweiten Auschwitz zu sehen. Améry hatte sich selbst immer als der Linken zugehörig betrachtet. Die Ignoranz gegenüber der andauernden Bedrohung Israels und der zunehmende und nur schlecht als „Antizionismus“ verhüllte Antisemitismus ausgerechnet innerhalb der Linken ließen ihn jedoch schließlich an dieser Linken verzweifeln. Die Bezeichnung der arabischen Gewaltregime als progressiv, Israels hingegen als reaktionär, verweise auf eine „totale Verwirrung der Begriffe“, auf den „definitiven Verlust moralisch-politischer Maßstäbe“. Am Israel-Palästina-Konflikt schließlich habe die Linke sich neu zu definieren, insofern sie sich nicht selbst aufgeben und die Maßstäbe der Gerechtigkeit für den „Fetisch Revolution“ opfern will.

via

„Deutschland? Weißt du doch nich!“

2012 – Fliegen bis Dresden Geschichte ist!
Gemeinsamer Aufruf der Bündnisse
Dresden Häuserfrei und X-tausendmal leer

1945 ist es uns erstmalig gelungen, Europas größte Barockausstellung durch Flächenbombardements zu beenden. Grundlage unseres Erfolges war die Länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Luftwaffen der beteiligten Staaten sowie einigen anderen Organisationen und Einzelpersonen. Mit unserer klaren Ankündigung, die größte Barockausstellung der Welt zu beenden, haben wir gemeinsam den Raum des symbolischen Protestes verlassen. Die Entschlossenheit tausender Piloten, sich mit den Mitteln des militärischen Gehorsams der schnöden Barockbauten zu entledigen, hat die Operation zu einem Erfolg werden lassen.

Für 2012 hat die Stadt Dresden angekündigt, mehrere Veranstaltungen zum Jahrestag der allierten Luftangriffe auf Dresden durchzuführen. Seit Jahren versucht Dresden die eigene Bombardierung für die Zwecke der Stadt zu instrumentalisieren und an bestehende Mythen und die Gedenkkultur anzuknüpfen. Wir werden nicht akzeptieren, dass die Stadt Dresden die Geschichte verdreht und die eigentlichen Helden, die Piloten der allierten Streitkräfte, verhöhnt werden.

Wir sind uns bewusst, dass sich Dresden seine „Prachtbauten“ nicht einfach nehmen lassen wird. Deshalb werden wir uns 2012 wieder durch Aktionen des militärischen Gehorsams mit Flächenbombardements auf uns aufmerksam machen. Dieses Ziel eint uns über alle sozialen, politischen oder kulturellen Unterschiede hinweg. Von uns wird dabei eine Eskalation ausgehen. Wir sind solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, Dresden wieder zu enturbanisieren, seiner Prachtgebäude zu entreissen und damit auch ein klares Zeichen gegen Gentrifizierung zu setzen.

Wir werden uns weiterhin bei Versuchen der Gegenwehr solidarisch zueinander verhalten. Wir stellen uns gegen jeden Versuch, Flächenbombardements als „extremistisch“ zu bezeichnen.
2012 werden wir Dresden gemeinsam bombardieren – bunt und lautstark, kreativ und entschlossen!

Nie wieder Dresden! Feuer frei!

Daniil Charms: »Und was kommt dann? Wasser?«

Da sitze ich auf einem Stuhl. Und der Stuhl steht auf dem Boden. Und der Boden gehört zum Haus. Und das Haus steht auf der Erde. Und die Erde erstreckt sich in alle Richtungen, nach rechts und nach links, vor und zurück. Und endet sie irgendwo? Denn es kann ja nicht sein, dass sie nirgends endet! Unbedingt muss sie irgendwo enden! Und was kommt dann? Wasser? Und schwimmt die Erde auf dem Wasser? Das glaubten die Leute ja früher. Und sie glaubten, da, wo das Wasser endet, da vereinigt es sich mit dem Himmel.
Und tatsächlich, wenn man auf einem Schiff im Meer ist, wo nichts ringsumher den Blick verstellt, da scheint es, als sinke irgendwo weit entfernt der Himmel herab und vereinige sich mit dem Wasser.
Der Himmel erschien den Menschen als große harte Kuppel, aus etwas Durchsichtigem, Glasartigem gemacht. Aber damals kannte man noch kein Glas und sagte, der Himmel sei aus Kristall gemacht. Und man nannte den Himmel Feste. Und die Menschen dachten, der Himmel oder die Feste sei das Beständigste, das Unveränderlichste. Alles könne sich verändern, aber die Feste verändere sich nicht. Und bis jetzt sagen wir, wenn wir von etwas sprechen, das sich nicht verändern soll: Das muss festgelegt werden.
Und die Menschen sahen, wie sich Sonne und Mond am Himmel bewegen und die Sterne unbeweglich stehen. Da begannen die Menschen, die Sterne aufmerksamer zu beobachten, und bemerkten, dass die Sterne am Himmel Figuren bilden. Sieben Sterne zum Beispiel bilden die Form eines Topfs mit Henkel, drei Sterne stehen einer nach dem anderen auf einer Linie. Die Menschen lernten, die Sterne voneinander zu unterscheiden, und sahen, dass sich die Sterne auch bewegen, nur alle auf einmal, als seien sie am Himmel befestigt und bewegten sich zusammen mit dem Himmel. Und die Menschen befanden, der Himmel drehe sich um die Erde.
Da teilten die Menschen den ganzen Himmel in einzelne Sternfiguren ein, und jede Sternfigur nannten sie Sternbild, und jedem Sternbild gaben sie einen Namen.
Aber dann sahen die Menschen, dass nicht alle Sterne sich zusammen mit dem Himmel bewegen, sondern dass es auch solche gibt, die zwischen anderen Sternen umherirren. Und die Menschen nannten diese Sterne Planeten.

(1931)

Daniil Charms

Martin Dornis: Sex ist ein Konstrukt

Ein ganz komischer Naturbegriff — also komisch nicht, sondern wir kennen den aus den Naturwissenschaften, aber selbst dort eigentlich nicht mehr, spätestens seit Heisenberg.

Ein amüsantes Zitat aus einem interessanten Vortrag betreffend Poststrukturalismus und Gender Studies.

Sex ist nur ein Konstrukt. Vortrag mit Martin Dornis by AA:B

Kein Al-Quds-Tag!


Termine, Broschüre und natürlich die Demonstration seien den geneigten Leser_innen an dieser Stelle empfohlen. Der Aufruf im Vollzitat:

Kein Al Quds-Tag!
Gegen Antisemitismus und Islamismus! Solidarität mit Israel!

Aufruf des antifaschistischen Berliner Bündnisses gegen den Al Quds-Tag
(mehr…)

Slash


Möchte hiermit dem Erwartungsdruck auf den neuen Fotoblog http://fotos.verbrochenes.net/ genügetun.

Jungle World 28/11

Ich weiß, es ist ein bisschen her, aber die Ausgabe fand ich echt super. Hier ein paar dazugehörige, dringende Leseempfehlungen:

—Georg Seesslen schreibt anlässlich des zehnten Todestages von Carlo Giuliani über die Polizeigewalt: »Eine Polizei, die nicht auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit agiert, verteidigt keine demokratische Ordnung, sondern ist Partei in einem latenten Bürgerkrieg.«
Olaf Kistenmacher schreibt im Dossier über den altbekannten Antisemitismus in der deutschen Linken. Kennt man teilweise schon aus einem Vortrag, aber besonders interessant ist der heftige Antizionismus, den die Linken schon in den 20ern kultivierten. Vor allem die damalige Rechnung Jude gleich Zionist spricht in dieser Beziehung Bände.
—Am spannendsten finde ich aber Roger Behrens‘ Artikel über die Gewaltfrage: »Damit verlieren aber die Demonstrationen tendenziell ihren eigentlichen und wesentlichen Sinn innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften: Man kann kaum noch etwas demonstrieren.«

die Weltmacht

Während Souveränität nicht von einem einzigen Staat verkörpet werden kann, sei er selbst hegemonial wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern immer von den Staaten in ihrem Verhältnis zueinander, weil sie nur so die Verwertung des Kapitals zu garantieren imstande ist, beansprucht der Gegensouverän absurderweise genau diese Singularität, in deren Namen er die Einheit einzelner Gewaltmonopole auflöst: im Nahen und Mittleren Osten durch den Glauben an die weltweite umma der Gläubigen, die im jihad den Staaten der Ungläubigen den Garaus macht; in Kerneuropa durch die kaum minder religiöse Vorstellung einer in Völkerrecht und Völkergemeinschaft fußenden Macht, die unmittelbar davor stehe, sich als ewiger Frieden zu installieren. Der eigene Wahn wird eben dadurch kaschiert, dass man den USA und dem Judentum unterschiebt, unrechtmäßig schon zu besitzen, was man selbst rechtmäßig beansprucht: die Weltmacht.
—Gerhard Scheit: Der Wahn vom Weltsouverän, S. 83

You stupid fascist pigs!

»Ah, explorers!«


Buttersafe

Tag der Befreiung Neuköllns

Die ein oder andere Leser_in wird vielleicht schon das schöne Werbebanner der Autonomen Neuköllner Antifa hier in der Sidebar bemerkt haben. Den anderen sei nochmal die Streetparade, vor allem aber der Gedenkpolitische Stadtrundgang durch Neukölln am Sonntag ans Herz gelegt.
Raufklicken, hingehen, weitersagen.
Danke.

»Anders gesagt: produktive Arbeit ist die strukturelle Quelle ihrer eigenen Beherrschung.«

Nachfolgend ein frei verfügbarer Abschnitt aus Moishe Postones »Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft«, den ich für beachtenswert halte.

Das Proletariat

Ich kann nun zu der Frage nach der historischen Rolle der Arbeiterklasse und dem grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus zurückkehren und darlegen, wie sie in der späten Marxschen kritischen Theorie implizit beantwortet wird. Mit meiner Konzentration auf seine Analyse der für den Kapitalismus konstitutiven strukturierenden Formen gesellschaftlicher Vermittlung habe ich zeigen können, daß nicht der Klassenkonflikt an und für sich die historische Dynamik des Kapitalismus erzeugt, und daß er nur deshalb ein treibendes Element dieser Entwicklung ist, weil er durch gesellschaftliche Formen strukturiert ist, die eine Dynamik aus sich heraus besitzen. Wie festgestellt, widerspricht die Marxsche Analyse der Auffassung, der Kampf zwischen der Kapitalistenklasse und dem Proletariat sei einer zwischen der herrschenden Klasse im Kapitalismus und einer, die den Sozialismus verkörpere, und der Sozialismus bedeute deshalb die Selbstverwirklichung des Proletariats. Diese Vorstellung entspringt notwendig dem traditionellen Verständnis des grundlegenden Widerspruchs des Kapitalismus als einem zwischen industrieller Produktion auf der einen, Markt und Privateigentum auf der anderen Seite. Dabei wird jede der beiden großen Klassen des Kapitalismus mit einer Seite dieses angenommenen Widerspruchs identifiziert und der Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten als gesellschaftlicher Ausdruck des strukturellen Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen interpretiert. Diese gesamte Konzeption beharrt auf einem Begriff von ›Arbeit‹ als transhistorischer Quelle gesellschaftlichen Reichtums und als dem konstituierenden Element gesellschaftlichen Lebens.
Ich habe die dieser Vorstellung zugrundeliegenden Annahmen umfassend kritisiert, indem ich die Marxsche Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Arbeit, Wert und stofflichem Reichtum nachzeichnete und als zentral für seine kritische Theorie auswies. Auf der Grundlage dieser Unterscheidungen habe ich die Dialektik von Arbeit und Zeit entwickelt, die den Kern der Marxschen Analyse der für den Kapitalismus charakteristischen Muster von Wachstum und Entwicklungsverlauf der Produktion ausmacht. Weit davon entfernt lediglich die Materialisierung der Produktivkräfte darzustellen, die strukturell im Widerspruch zum Kapital stehen, ist die auf dem Proletariat basierende industrielle Produktion ihrem inneren Wesen nach durch das Kapital geformt. Sie ist die materialisierte Form sowohl der Produktivkräfte als auch der Produktionsverhältnisse. Deshalb kann sie nicht als eine Art und Weise des Produzierens aufgefaßt werden, die unverändert dem Sozialismus als Grundlage dienen könnte. Die historische Negation des Kapitalismus in der späten Marxschen Kritik kann nicht verstanden werden, wenn sie den Bedingungen einer Transformation der Distributionsweise gemäß formuliert sind, die der industriellen, im Kapitalismus entwickelten Produktionsweise entsprechen.
Es ist ebenfalls deutlich geworden, daß das Proletariat in der Marxschen Analyse nicht den gesellschaftlichen Repräsentanten einer möglichen nicht-kapitalistischen Zukunft darstellt. Die logische Stoßrichtung der Marxschen Entfaltung des Kapitalbegriffs, also seiner Analyse der industriellen Produktion, steht im vollkommenen Widerspruch zu den traditionellen Annahmen vom Proletariat als revolutionärem Subjekt. Für Marx ist die kapitalistische Produktion durch eine enorme Ausdehnung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und des gesellschaftlichen Wissens charakterisiert, die sich unter den vom Wert bestimmten Bedingungen konstituiert und deshalb in entfremdeter Form als Kapital existiert. Mit der vollständigen Entwicklung der industriellen Produktion werden diese Produktivkräfte des gesellschaftlichen Ganzen größer als die kombinierten Fähigkeiten, größer als die Arbeit und die Erfahrung des Gesamtarbeiters. Sie sind gesellschaftlich-allgemein und repräsentieren die akkumulierten Erfahrungen und Potenzen der Menschheit, die sich als solche selbst in entfremdeter Form konstituieren. Als die objektivierten Potenzen des Proletariats können sie jedenfalls nicht adäquat verstanden werden. »Tote Arbeit«, um Marxens Begriff zu gebrauchen, ist nicht mehr nur die Vergegenständlichung »lebendiger Arbeit« – sie wurde zur Vergegenständlichung historischer Zeit.
Marx zufolge wird die Erzeugung von stofflichem Reichtum mit der Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion immer weniger von der Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit in der Produktion abhängig. Dennoch spielt solche Arbeit auch weiterhin insofern eine notwendige Rolle, als die Produktion von (Mehr) Wert notwenig von ihr abhängt. Die strukturell begründete Rekonstitution des Werts, die wir oben untersucht haben, ist gleichzeitig die Rekonstitution der Notwendigkeit proletarischer Arbeit. Dies resultiert darin, daß proletarische Arbeit mit der fortdauernden Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion vom Standpunkt der Produktion von stofflichem Reichtum zunehmend überflüssig und deshalb letztlich anachronistisch wird – als Quelle des Werts bleibt sie allerdings notwendig. Je mehr sich das Kapital entwickelt und diese Dualität zum Tragen kommt, desto mehr entleert und fragmentiert es genau die Arbeit, die es für seine Konstitution benötigt.
Die von Marx analysierte ›Ironie‹ dieser Situation besteht darin, daß sie durch proletarische Arbeit selbst konstituiert wird. Es ist in dieser Hinsicht von Bedeutung, daß Marx bei der Erörterung der polit-ökonomischen Kategorie der ›produktiven Arbeit‹ diese nicht als eine gesellschaftliche Tätigkeit behandelt, die Gesellschaft und Reichtum im allgemeinen konstituiert – anders gesagt, er behandelt sie nicht als ›Arbeit‹. Vielmehr definiert er produktive Arbeit im Kapitalismus als Arbeit, die Mehrwert produziert, was gleichbedeutend damit ist, daß sie zur Selbstverwertung des Kapitals beiträgt. (MEW 23, 532) Dadurch verwandelt er eine ehemals transhistorische und affirmative Kategorie der politischen Ökonomie in eine, die historisch spezifisch und kritisch ist, darin erfassend, was für den Kapitalismus zentral ist. Gegen eine Glorifizierung produktiver Arbeit argumentiert Marx:

Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt … ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches … Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein Pech. (MEW 23, 532)11

Anders gesagt: produktive Arbeit ist die strukturelle Quelle ihrer eigenen Beherrschung.
In der Marxschen Analyse kommt dem Proletariat also weiterhin eine strukturell wichtige Funktion für den Kapitalismus zu: Quelle des Werts zu sein, nicht jedoch Quelle des stofflichen Reichtums. Dies ist dem traditionellen Verständnis vom Proletariat diametral entgegengesetzt. Weit davon entfernt, die vergesellschafteten Produktivkräfte darzustellen, die in Widerspruch mit den kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen geraten und dadurch auf die Möglichkeit einer postkapitalistischen Zukunft verweisen, ist die Arbeiterklasse für Marx das wesentliche, konstituierende Element dieser Verhältnisse selbst. Sowohl Arbeiterklasse als auch Kapitalistenklasse bleiben an das Kapital gebunden, die erstere jedoch um einiges mehr: das Kapital könnte ohne Kapitalisten existieren, jedoch nicht ohne wertproduzierende Arbeit. Der Logik der Marxschen Analyse zufolge ist die Arbeiterklasse, statt eine mögliche zukünftige Gesellschaft zu verkörpern, die notwendige Grundlage derjenigen, unter der sie leidet: der gegenwärtigen. Sie ist an die bestehende Ordnung auf eine Art und Weise gebunden, die sie zum Objekt der Geschichte macht.
Kurz gesagt weist die Marxsche Analyse des Entwicklungsverlaufs des Kapitals in keiner Weise auf die mögliche Selbstverwirklichung des Proletariats – als dem wahren Subjekt der Geschichte – im Sozialismus hin.12 Ganz im Gegenteil verweist sie, als Bedingung für Emanzipation, auf die mögliche Abschaffung des Proletariats und der von ihm verrichteten Arbeit. Diese Interpretation reflektiert notwendigerweise das Verhältnis der Kämpfe der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft zur möglichen Aufhebung des Kapitalismus in neuer Weise – ein Thema, das wir in dieser Arbeit nur streifen können. Sie läuft darauf hinaus, daß die durch die Marxsche Kritik implizierte mögliche historische Negation des Kapitalismus nicht so verstanden werden kann, als würde sich das Proletariat das, was es konstituiert hat, wieder aneignen, also bloß in der Abschaffung des Privateigentums bestünde. Vielmehr impliziert die logische Stoßrichtung der Marxschen Darstellung eindeutig, daß man sich diese historische Negation als Wiederaneignung der gesellschaftlich-allgemeinen Fähigkeiten, die letztlich nicht in der Arbeiterklasse ihren Ursprung haben und historisch in entfremdeter Form als Kapital konstituiert wurden, durch alle Menschen vorstellen sollte.13 Eine solche Wiederaneignung setzt die Abschaffung der strukturellen Grundlage dieses Entfremdungsprozesses – Wert, und somit proletarische Arbeit – voraus. Das historische Auftreten dieser Möglichkeit hängt wiederum von dem Widerspruch ab, der der kapitalistischen Gesellschaft zugrundeliegt.

Quelle und pdf