vorgestellst

Want / Need

Erin Hanson

//


via

Tel Aviv


Skandal

»Es war nicht viel vorzubringen gegen die Greuel.«

Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne.

»Jude sein, dass hieß für mich von diesem Anfang an, ein Toter auf Urlaub zu sein, ein zu Ermordender, der nur durch Zufall noch nicht dort war, wohin er rechtens gehörte, und dabei ist es in vielen Varianten, in manchen Intensitätsgraden bis heute geblieben.«

Améry untertitelte seine Aufsatz-Sammlung bescheiden mit Bewältigunsversuche eines Überwältigten — doch ist festzustellen, dass die vorliegenden Texte eine scharfe Darlegung des »Prozesses der Wiederherstellung der Würde« sind, der für Améry nach dem Überleben von Auschwitz zum zentralen Thema wurde.
Vielmehr, als sich intellektuell neutral den Fragen des Lebens nach der Befreiung zu widmen, ist das Buch das persönliche Zeugnis eines Intellektuellen, wie Améry im Vorwort betont. Gleichzeitig ist sein Bericht von der »Opfer-Existenz« kein Ruf an Leidensgenoss_innen oder Interessierte: an die Deutschen selber wendet sich Améry, denn sie sind die Schuldigen.
Es macht wenig Sinn, hier den Inhalt auszubreiten, denn der ist meiner Meinung nach auf den gut hundertfünfzig Seiten schon knapp genug gefasst. Vielmehr soll unterstrichen werden, wie wichtig es ist, dieses Buch zu lesen.
Entlang der Greuel rechnet Améry mit den Schrecken, mit den Täter_innen, aber auch mit sich selbst ab. Er widmet sich der geistigen Zersetzung der KZ-Häftlinge, der an ihm begangenen Folter nach seiner Festnahme als Mitglied des Widerstandes, genauso wie der Mutation der Heimat zur »Feindheimat«. Gleichzeitig nachdenklich und schonungslos legt er in seinen Darstellungen die Bürden dar, die den Überlebenden auferlegt sind, ohne diese zu verklären. Er weist darauf hin, wo die Philosophie Sartres im KZ versagt hat, so wie überhaupt die theoretische Analyse versagte.
Das Buch ist auch ein Nachdenken über jüdisches Leben nach Deutschland. Hierbei wird deutlich, dass trotz seines differenzierten Bildes der Deutschen grade diese es sind, denen seine Verbitterung gilt. Denn sie waren es, die ihm das Weltvertrauen raubten — nicht nur durch die direkte Beteiligung am Grauen, sondern oft auch durch die stillschweigende Duldung, der Améry sich ebenso intensiv widmet. Seine Schilderungen belegen weit mehr als das Gefühl, es müssen viele weggeschaut haben. Sie zeigen eindringlich, wie normal der Judenhass für die Deutschen war.
Genau hieraus zieht Améry die Notwendigkeit für sich, als Jude zu existieren. Die Antisemit_innen machten ihn erst zu einem, und ohne diesen Kampf anzunehmen, wird er ihn nicht für sich entscheiden können. Dieser Kampf macht für ihn die jüdische Existenz aus, und so ist seine Konsequenz aus dem Erlittenen einerseits die »revoltierende Solidarität« mit den vom Antisemitismus geplagten, andererseits die nackte Hoffnung, Auschwitz möge ihn tatsächlich »klüger« gemacht haben. Denn weder »weiser« noch »tiefer« wurde er durch die gleichsam körperliche wie seelische Strapaze.

»Die Nachbarin grüßt freundlich, Bonjour Monsieur; ich ziehe den Hut, Bonjour Madame. Aber Madame und Monsieur sind durch interstellare Distanzen voneinander getrennt, denn eine Madame hat gestern weggeschaut, als man einen Monsieur abführte, und ein Monsieur betrachtete Madame durch die Gitterfenster des abfahrenden Wagens wie einen steinernen Engel aus einem hellen und zarten Himmel, der den Juden für immer verschlossen ist.«

pull harder


Mark Jenkins

»Denker ohne Weltvertrauen«

Eigentlich hatte man ihn zur Frankfurter Buchmesse erwartet, den Schriftsteller und Essayisten Jean Améry. Doch dann kam die Nachricht aus Salzburg: Améry, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Publizisten nach 1945, habe sich dort in einem Hotel während einer Lesereise das Leben genommen, am 17.Oktober 1978 – vor nunmehr dreißig Jahren. In einem Brief hatte er sich noch bei der Hotelleitung entschuldigt – wegen eventueller Ärgerlichkeiten – und den Polizeibehörden erklärt, dass er freiwillig, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, in den Tod gehe. In einem seiner drei Abschiedsbriefe bekannte er: „Ich bin auf dem Weg ins Freie. Es ist nicht leicht, aber dennoch eine Erlösung.“ Auf seinem mit Efeu überwachsenen Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof findet man neben dem Namen und den Geburts- und Sterbedaten auch Amérys Auschwitznummer 172 364 vermerkt. Das am linken Unterarm eingeritzte Brandmal, schrieb er einst, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz.
weiterlesen…

»No Heartbeat / No Voice«

»Vom Dritten Reich zur Dritten Welt«

Wer der Meinung ist, dass die Weltbilder linker Antiimperialisten, faschistischer Nationalisten und arabischer Antizionisten auf drei völlig verschiedenen Planeten angesiedelt seien und, wenn überhaupt, dann ausschließlich antagonistisch miteinander in Kontakt geraten könnten, der sollte unbedingt dieses Buch lesen.

Ivo Bozic über »Der Schattenmann — Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud«

Vanessa Swinship

Black Sea: Between Chronicle and Fiction Part 1

Die Welt aus der Sicht der USA


xkcd

Gefällt mir

Liebe Leser_innen,
ihr könnt die Weltherrschaftsambitionen der Redaktion jetzt auch via Facebook unterstützen und verfolgen. Das ist einfach, hip und beruhigt das Gewissen, denn man tut ja schließlich was Gutes, in etwa. Hauptsächlich wird es wohl einfach praktischer sein für Leute, die keinen Feedreader, aber Facebook benutzen.
Cool!
Also: immer fleißig auf Gefällt mir klicken.

awesome

Auf vivianmaier.blogspot.com sind die unglaublich beeindruckenden Fotografien aus dem Nachlass der Amateurfotografin Vivian Maier vorgestellt.

Ali Schirasi über die Grüne Bewegung im Iran und den Westen

Wie können internationale Akteure und Regierungen die Grüne Bewegung unterstützen?

Internationale Akteure in dem Sinn gibt es wenig. Die UNO ist ohne die Veto-Mächte handlungsunfähig, und die Europäer schielen nur auf iranisches Erdöl, Erdgas und den Absatzmarkt. Insofern sind Boykotte nicht sehr wirksam, zumal das US-Embargo schon Jahrzehnte existiert. Die Regierung ist trotzdem nicht gestürzt. Viel wichtiger aber ist die Forderung an die Regierungen im Westen, das Regime nicht zu unterstützen, mit sogenannten Dialogen, mit Waffenlieferungen, mit der Lieferung von Zensurtechnik (Siemens, Nokia), mit Besuchen und Kontakten zu Schwerverbrechern wie Ahmadineschad, Chamenei und anderen. Die westliche Politik redet gern von Menschenrechten, aber nur hier zu Hause, wenn die Aufträge und Bestellungen für ihre Industrie wittern, halten sie den Mund. Das ist der Punkt. Wir müssen mehr Ehrlichkeit und Transparenz in den Beziehungen zum Iran fordern, und wir müssen schauen, dass wir uns nicht nur aus staatlich gesteuerten Medien informieren, die im Iran nach jedem Regierungswechsel einen neuen „Reformer“ oder „Pragmatiker“ entdeckt.

Das komplette Interview.

»Unsereiner Kriegsundführerkinder« — Audiofeature

Bei ärgernis habe ich grade ein hörenswertes Audiofeature zu Heike Schmitz‘ Roman Unsereiner Führerkinder entdeckt:

»Der heutige Jude steht mitten im Krieg.« — Sartre: Überlegungen zur Judenfrage.


Wir sahen, dass … der Antisemit den Juden schafft.

Bereits wenige Wochen nach der Befreiung von Paris im Oktober 1944 schrieb Jean-Paul Sartre, bedeutendster Vertreter des Existentialismus und bereits damals ein geachteter Intellektueller, den Essay Überlegungen zur Judenfrage. Entgegen den meisten seiner Mitmenschen beschäftigte er sich hier offensiv mit der Struktur des Antisemitismus, unter dem Wissen von Massenmord, aber nicht von dessen Ausmaßen, Formen, Schlagwörtern.
So erklärt sich der ungeschickt anmutende Titel, der von einer Judenfrage spricht, die die Nazis bekanntlich endgültig zu lösen angetreten waren. Auf französisch gibt es allerdings nur die jüdische Frage (»question juive«), welche einen anderen Anspruch nahelegt als den Massenmord. Diesen Wissensstand Sartres gilt es zu berücksichtigen.
Ein weiteres Problem beim Lesen scheint darin zu liegen, dass Sartre fortlaufend schrieb, sich also gedankliche Entwicklungen im Text niederschlagen. So gleitet er anfangs noch in eine teils antisemitisch und rassistisch gefärbte Tonlage ab, die sich glücklicherweise aber im Laufe des Textes zurückbildet, was offensichtlich dem inhaltlichen Anspruch einer befreiten Gesellschaft geschuldet ist.

existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.

Der Essay beginnt mit einem scharf und ergarmungslos gezeichneten Bild vom Antisemiten*. Dessen Beweggründe, Ängste und Verhaltensweisen zeichnet Sartre mit dem Werkzeug seiner Philosophie, die er einige Jahre zuvor in Das Sein und das Nichts beschrieben hat. So kommt er zu dem Schluss, dass der Antisemitismus nicht eine bloße und daher harmlose oder kurzlebige Anschauung ist, sondern einen essentiellen Charakterzug des Antisemiten* darstellt: Er mythologisiert die Welt und kittet seine Ideologie mit einer Karikatur vom Juden* zusammen, den er für sein Scheitern verantwortlich macht. Im Grunde genommen fußt dieses Weltbild, wie Sartre zeigt, auf etwas, was ähnlich der Blut und Boden-Ideologie funktioniert, nämlich über biologische Abstammung und Grundbesitz.

auch für die Juden werden wir die Revolution machen

Er analysiert, dass die Jüdinnen und Juden nur zwei Optionen haben: Authenzität oder Unauthenzität, was nicht anderes heißt, als dass sie die ihnen vom Antisemiten auferlegte Rolle als Gemeinschaft annehmen oder verweigern können. Über diese Flucht vor der Rolle erklärt Sartre einige Verhaltensweisen, die der Antisemit als »typisch jüdisch« ausmacht, die aber nur den Getriebenen charakterisieren. So z.B. die Rationalität und den Humanismus, welche mitunter jüdisch geprägt sind.

Aber der Mensch existiert nicht.

Im Angesicht dieser Verhältnisse zwischen Antisemit* und Jude* kritisiert Sartre vor allem den Demokraten*, da dieser den Antisemitismus schlicht verbieten wolle, was den Antisemiten* aber nicht tangiert, da dieser eh im Dienste einer »wahren Nation« unterwegs ist, die nicht durch die tatsächliche vertreten wird. Die Tendenz der Demokrat_innen sei es, »schlicht und einfach den Juden zugunsten des Menschen* zu beseitigen. Aber das läuft dem Mensch-sein zuwider, da dieses auch das jüdisch/katholisch/wasauchimmer-sein beinhaltet. Insofern ist die demokratische Positionierung zum Antisemitismus erstens Schall und Rauch und zweites unangemessen.

Das jüdische Problem ist durch den Antisemitismus entstanden; also muss man den Antisemitismus abschaffen, um es zu lösen.

Daher plädiert Sartre für einen mehr oder weniger direkten Zwang den Antisemit_innen gegenüber. Da sie sich weder um Gesetze noch um Rationalität scheren, »muss man seine* Situation von Grund auf verändern«. Diese Veränderung bedeutet allerdings vielmehr eine sozialistische Revolution, die dem Antisemitismus seine Grundlage, nämlich die Klassenunterschiede entziehen würde. An dieser Stelle geht Sartre glücklicherweise auf die Gefahr reaktionärer Arbeiterbewegungen ein, nachdem er diesen zu Beginn mehr oder weniger einen Gutschein zur Antisemitismuslosigkeit ausgestellt hat. »Das bedeutet, Antisemitismus ist eine mythische und bürgerliche Vorstellung vom Klassenkampf, die in einer klassenlosen Gesellschaft nicht existieren könnte.« Dass auch Arbeiter_innen diesem falschen Klassenkampf anheim fallen können, zeigt ein Zitat im Anhang der deutschen Ausgabe, das sich in der Kommentarspalte findet.

Es ist nicht zuerst Sache der Juden, eine militante Liga gegen Antisemitismus zu gründen, es ist unsere Sache.

Wie sehr dieser Essay auf dem philosophischen Werk Sartres beruht, erschließt sich an den Worten, mit denen er ihn beendet. Denn dass der Jude sich als Jude* fühlt, das ist nicht seine Schuld. »Es sind unsere Worte und unsere Gesten — alle unsere Worte und alle unsere Gesten, unser Antisemitismus, aber auch unser herablassender Liberalismus —, die ihn bis ins Mark vergiftet haben.« Und da ich nicht meine Freiheit wollen kann, ohne die Freiheit des Anderen zu wollen, schließt Sartre konsequent:

Wenn wir uns dieser Gefahren bewusst sind, wenn wir voller Scham unsere unfreiwillige Komplizenschaft mit den Antisemiten erlebt haben, die uns zu Henkern gemacht hat, dann werden wir vielleicht anfangen zu begreifen, dass wir für den Juden* kämpfen müssen, nicht mehr und nicht weniger als für uns selber.

*Sartre benutzt zur Zeichnung der Strukturen versinnbildlichte Einzelmenschen. Es ist zu bemängeln, dass diese ausschließlich männlich sind.